Bei den Fotografien, die uns von NS-Deportationen aus dem Deutschen Reich vorliegen, handelt es sich häufig um die letzten bekannten Bilder der Verfolgten vor ihrer Ermordung. Die Bilder zeigen das Unrecht im lokalen Kontext. Die Deportationen fanden auf öffentlichen Plätzen, vor Gebäuden und in Straßen statt, die oft heute noch die jeweiligen Orte prägen. Es gibt jedoch zahlreiche Leerstellen, denn von vielen Deportationen sind keinerlei Bilder bekannt und auch die bekannten Fotografien und Filme zeigen stets nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens.

Im Rahmen von #LastSeen bitten wir Freiwillige, uns bei der Suche in verschiedenen Regionen und Städten zu unterstützen. Sowohl auf dieser Website als auch über Social Media veröffentlichen wir Fragen und Suchaufrufe und informieren über die ersten Ergebnisse dieser Forschungsinitiative.  Schon heute haben wir hier einige Informationen über die bekannten Bilder und über das Forschungsvorhaben zusammengefasst.

 

 

Suche in acht Fokusregionen

Die Recherchen unserer Wissenschaftler*innen erfolgen deutschlandweit und international. Für eine gezielte, öffentlich ausgerichtete Bildersuche konzentrieren wir uns zunächst auf acht Fokusregionen: Berlin und Umland, Bayerisch-Schwaben, Schwäbische Alb, Sachsendreieck, Vorpommern, Nordhessen, Rhein-Ruhr Gebiet sowie Bremen und Oldenburg. Erste Erkenntnisse haben wir bereits bei Archivrecherchen in Brandenburg an der Havel erhalten. International suchen wir gezielt in den Beständen des United States Holocaust Memorial Museum, Yad Vashem und der USC Shoah Foundation.

 

Nürnberg, 28. Oktober 1938: Auch in Nürnberg fanden im Rahmen der „Polenaktion“ Ausweisungen statt. Heute gilt die „Polenaktion“ als „Generalprobe“ für alle späteren Deportationen. (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1982-174-27 / Fotograf: H. Großberger)

 

Unsere Bildersuche fokussiert sich auf den Zeitraum 1938-1945, beginnend mit der „Juni-Aktion“ 1938 und den Massentransporten von Jüdinnen und Juden im Oktober 1938 an die deutsch-polnische Grenze, der „Polenaktion“. Bildaufnahmen aus den Jahren 1944-1945 sind  bisher nicht bekannt. Fotografien aus Orten östlich der Elbe existieren kaum und aus den fünf Städten mit den damals größten jüdischen Gemeinden – Berlin, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und Breslau – gibt es nur aus Breslau und Leipzig einige wenige Bilder.

 

Aktendeckel (vermutlich von der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe) zu der Dokumentation der Verfolgung von Jüdinnen und Juden mit (ehemals) polnischer Staatsangehörigkeit im Zuge der ersten und zweiten „Polenaktion“ im Raum Karlsruhe, Württemberg-Baden (1938/1939) (Foto: 1.2.1.1/11200766/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives)
Nürnberg, 28. Oktober 1938 (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1984-092-26 / Fotograf: H. Großberger)

„Polenaktion“

Der Begriff „Polenaktion“ bezeichnet die Verhaftung von mindestens 17.000 polnischstämmigen Jüdinnen und Juden, die im Deutschen Reich lebten. Gewaltsam und für die Betroffenen völlig überraschend wurden sie ausgewiesen und an die polnische Grenze gebracht. Aus Nürnberg liegen hierzu Bilder vor.

 

Keine Bilder aus Berlin

Allein aus Berlin wurden in mehr als 180 Zügen über 50.000 jüdische Berlinerinnen und Berliner in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Fotografien liegen hiervon bisher keine vor. Anders ist die Ausgangslage beispielsweise in München: Vor 80 Jahren deportierten die Nationalsozialisten knapp 1.000 Menschen aus München nach Kaunas in Litauen. Im Stadtarchiv München sind 14 Fotografien dieser ersten Deportation überliefert.

 

München, 20. November 1941: Die erste Deportation von München ins litauische Kaunas gehörte zu den wenigen, die bei Nacht durchgeführt wurden. (Foto: Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NS-00015)

 

Im Rahmen eines #LastSeen-Pilotprojektes werden die Bilder aus München systematisch untersucht. Was ist darauf zu sehen? Wie und wann sind die Fotos entstanden? Wer hat sie aufgenommen und in welchem historischen Kontext stehen sie? Ein Hauptziel ist es, die auf den Fotos abgebildeten Menschen zu identifizieren. Gleichzeitig werden weitere Bilder oder Bildserien wissenschaftlich bearbeitet und bis Ende 2022 digital zugänglich gemacht.

Bilderfunde und Fehlstellen

Am besten erforscht, aber auch nur teilweise bildlich dokumentiert, sind die Deportationen von Menschen, die nach der rassischen Definition der Nationalsozialisten als „jüdisch“ galten. Aus rund 40 Orten, darunter Bielefeld, Brandenburg an der Havel, Eisenach, Emden, Hanau, Lörrach, Moers, Regensburg, Rendsburg und Wiesbaden, liegen Bilder vor. Deutlich weniger Bilder sind zu den NS-Deportationen von Sinti*zze und Rom*nja aus Asperg, Köln, Neustrelitz und Remscheid überliefert. Und zu den Deportationen im Zusammenhang mit den Krankenmorden sind derzeit kaum Fotografien bekannt.

 

»Ganz ausdrücklich stehen die Deportationen von Sinti*zze, Romn*nja und auch die Krankenmorde im Fokus von #LastSeen, um mögliche Spuren zu mehr Informationen zu verfolgen. Auch um die Erinnerung an diese Opfergruppen stärker in das öffentliche Bewusstsein zu bringen.«

Floriane Azoulay, Direktorin Arolsen Archives
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