André Raatzsch ist Referatsleiter am Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Bilderpolitik und dem ethischen Umgang mit Fotodokumenten. Im Interview spricht er über verschiedene Ansätze, mit gewaltvollen Fotografien umzugehen.  

Herr Raatzsch, was verstehen Sie unter Bilderpolitik im Kontext der Fotografien der NS-Deportationen von Rom*nja und Sinti*zze?

Ein Foto ist ja zunächst einmal ein Stück Papier, aber wir sollten uns bewusst sein, dass darauf Menschen abgebildet sind, die ihre Rechte und ihre Würde zu behalten haben – dafür müssen wir als Kurator*innen, aber auch als Betrachter*innen sorgen. Die Theoretikerin Ariella Azoulay spricht in ihrem Buch „The Civil Contract of Photography“ von einem Vertrag, den ich als Betrachter*in mit den abgebildeten Personen eingehe.

Wenn ich zum Beispiel Bilder der NS-Deportationen heute betrachte, sollte ich mich fragen: Sehe ich die von Gewalt betroffenen Jüdinnen und Juden und Angehörigen der Sinti* und Roma* darauf als „Opfer“? Sehe ich sie nur in Bezug auf das Verbrechen? Oder sehe ich Menschen, deren Rechte verletzt werden? Wir müssen lernen, die Menschen auf den Bildern nicht klassifizierend oder rassifizierend anzusehen, sondern als Mitbürger*innen. Nur dann können wir auch für alle dieselben Rechte gewährleisten. 

 

»Mein moralisches und politisches Denken und Handeln wird von diesen Bildern angesprochen und muss sich vielleicht ändern. Diese Bilder anzusehen, ist nicht einfach ein ›Ausflug in die Geschichte‹, sondern bedarf einer politischen Haltung. Diese Erkenntnis ist für mich zentral, und ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen.«

André Raatzsch, Referatsleiter am Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Den Prozess der Entrechtung sichtbar machen

Was ergibt sich daraus für den Umgang mit gewaltvollen Fotografien aus der Zeit des Nationalsozialismus? 

Der Umgang mit diesen Bildern ist eine große Herausforderung für unsere Demokratie und die politische Bildung. Ein Lösungsansatz ist zu zeigen, dass die Menschen zuerst von ihren Mitbürger*innen zu Anderen gemacht wurden, bevor sie von den Nationalsozialisten ermordetet wurden. Ein Beispiel: In der Ausstellung am Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, kuratiert von Frank Reuter, sehen wir am Anfang Fotografien, die die Familien in bürgerlichen Situationen zeigen. Dadurch wird deutlich, dass sich die Fotos kaum unterscheiden von Bildern, die die „Mehrheitsgesellschaft“ abbilden – Menschen, die in den 1930er-Jahren in Städten lebten und Teil der bürgerlichen Schicht oder Arbeiter*innen waren. 

Nur so können wir die Fotografien, die die Deportierten später in Konzentrationslagern zeigen, verstehen: In diesen Bildern drückt sich ein Prozess der Entrechtung und der Klassifizierung aus. Die Nürnberger Gesetze von 1935 degradierten neben Jüdinnen und Juden auch Sinti* und Roma* als „fremdrassig“ und „undeutschen Blutes“, stigmatisierten sie zu Menschen minderen Rechts.

 

Angehörige der Sinti-Familie Bamberger in den 1930er-Jahren. Margarete Bamberger (links vorne) wurde später nach Auschwitz deportiert. Max Bamberger (ganz rechts) wurde auf der Flucht in Jugoslawien kurz vor Kriegsende Opfer eines Massakers. (Foto: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma)

 

Gleichberechtigt über das eigene Schicksal sprechen

Welche Bedeutungen haben die Bilder für Angehörige der Sinti*zze und Rom*nja heute?

Innerhalb der Community gibt es unterschiedliche Ansichten zum Umgang mit diesen Fotografien. Sie sind für Angehörige der „Minderheit“ eine sehr schmerzhafte Begegnung mit ihrer Geschichte. Aber man muss die eigene Geschichte kennen. Ziel der Aufarbeitung sollte eine demokratische Entwicklung sein, sowohl für Sinti* und Roma* als auch für die „Mehrheitsgesellschaft“. „Minderheit“ und „Mehrheit“, das sind aus meiner Sicht übrigens veraltete Begriffe, aber wir haben aktuell noch kein anderes Konzept, das wirklich angekommen ist. 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Prinzip der Selbstbehauptung. In der ebenfalls von Frank Reuter kuratierten Online-Ausstellung „Rassendiagnose Z.“ des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma berichten beispielsweise Überlebende und Nachkommen darüber, was passiert ist. Das trägt auch dazu bei, gewaltvolle Darstellungen mehr oder weniger aufzulösen, denn ich sehe Persönlichkeiten, die gleichberechtigt und aufgeschlossen über ihr eigenes Schicksal sprechen. 

 

Sehen Sie in Bezug auf Online-Angebote spezifische Herausforderungen? Einerseits wird bei einer Veröffentlichung von Bildern im digitalen Raum ja eine gewisse Kontrolle abgegeben, gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten. 

Gewaltvolle Bilder sind und bleiben gewaltvoll. Es besteht immer die Gefahr, dass sich Antiziganismus, Antisemitismus und Rassismus erneut etablieren, wenn diese Bilder gezeigt werden. Gerade online findet die Rezeption von Bildern meist sehr schnell statt. Ich finde es daher zentral, die Fotos als eigenständige Objekte zu begreifen, gerade weil im digitalen Raum nicht immer ein klarer Rahmen gegeben ist – wie etwa in einem Geschichtsbuch oder bei einem Vortrag. 

Es liegt an den Kurator*innen und Webdesigner*innen, wie die Bilder online rezipiert werden. Unterbrechungsmomente einzulegen, kann eine Strategie sein, mit gewaltvollen Fotografien umzugehen und eine demokratische und würdevolle visuelle Kultur zu schaffen. In Kurzfilmen, die auf der RomArchive-Website veröffentlicht sind, habe ich zum Beispiel einzelne Bereiche von Fotografien zunächst mit der Hand abgedeckt, um so die Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Das Bild kann erst nach und nach erschlossen werden. Ich unterbreche also die Rezeption, die oft nicht kritisch auf Unrecht und Gewalt gerichtet, sondern weiter von Vorurteilen geprägt ist. Ich hoffe, dass dadurch Sinti* und Roma* als gleichberechtigte Bürger*innen ihrer jeweiligen Heimatländer verstanden werden.

 

Ausschnitt eines Standbilds aus dem Film „Politics of Photography“ (Bildrechte: André Raatzsch/Erika Trammer)
Standbild aus dem Film „Politics of Photography“ (Bildrechte: André Raatzsch/Erika Trammer)

Bilderpolitik

„Es ist unsere Verantwortung […] zu entscheiden, was wir in den Bildern sehen“, heißt es in dem Film „Politics of Photography / Bilderpolitik“ von André Raatzsch und Era Trammer. Um Machtverhältnisse in den historischen Fotos sichtbar zu machen, verdeckt der Regisseur Teile des Bildes mit der Hand und unterbricht die Rezeption bewusst.

Es geht immer darum, dass die Fotografien nicht einfach wie in einem Bilderbuch, das ich passiv ansehe, gezeigt werden. Wir sind heute von einer Bilderflut umgeben und können beim Mittagessen die schrecklichsten Bilder konsumieren, ohne dabei nachdenklich zu werden. Die Veröffentlichung gewaltvoller Fotografien sollte daher mit einer klaren politischen Aussage verbunden sein: Ich habe vor, mit der Präsentation dieser Bilder darauf hinzuweisen, wie die Gewaltmechanismen funktioniert haben. 

Frank Reuters Ansatz, dabei auf die Details der Fotografien von NS-Deportationen zu fokussieren, halte ich für sinnvoll. Er trägt dazu bei, dass die Bilder hinterfragt werden: Wie konnte das vor den Augen der Gesellschaft passieren? Was hat dazu geführt, dass Bürger*innen deportiert wurden? Was waren die Mechanismen dahinter? Und vielleicht lernen wir dabei nicht nur NS-bezogene Fotografien, sondern Bilder generell besser zu lesen und zu verstehen.

André Raatzsch ist Leiter des Referats Dokumentation am Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg und ist dort für die Gedenkstättenarbeit sowie die Sammlung und Dokumentation der Bürgerrechtsarbeit und dem kulturellen Schaffen der Sinti* und Roma* zuständig. Er setzte zahlreiche künstlerische und kulturelle Projekte um, darunter das Projekt „Rewritable Pictures“ und die Website RomArchive, für die er den Bereich „Bilderpolitik“ kuratierte.

2021 gestaltete er mit Jan Kreutz den Bereich „Gleichberechtigte Bürger*innen“ zur Geschichte der Berliner Sinti*ze und Rom*nja der Ausstellung BERLIN GLOBAL im Humboldt Forum. André Raatzsch hat an mehreren internationalen Ausstellungen teilgenommen, unter anderem 2007 am ersten Roma-Pavillon »Paradise Lost« der Biennale di Venezia in Venedig (Italien). Zu seinen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten zählt die Repräsentation der europäischen Sinti*zze und Rom*nja, insbesondere durch das Medium Fotografie.

Für #LastSeen hat Katharina Menschick mit André Raatzsch gesprochen.

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