Dr. Reinhold Brunner: „Opferschicksale in Biographien umwandeln“

Bei der Erschließung von Fotos der NS-Deportationen stützt sich #LastSeen auf die Vorarbeit vieler lokaler Historiker*innen und Archivar*innen. Einer von ihnen ist Reinhold Brunner, langjähriger Leiter des Stadtarchivs Eisenach. Im Interview berichtet er über die Rekonstruktion jüdischen Lebens in der Wartburgstadt.

Herr Brunner, Sie engagieren sich seit mehr als drei Jahrzehnten für die Aufklärung der Schicksale von Jüdinnen und Juden in Eisenach während der NS-Zeit. Als Leiter des Stadtarchivs Eisenach haben Sie sich auch mit einer Serie von Deportationsfotos beschäftigt, die am 9. Mai 1942 entstanden sind. Was ist auf diesen Fotos zu sehen und warum sind diese Bilder so wichtig?

Die Fotos zeigen den Zug der jüdischen Menschen – Männer, Frauen und Kinder -, am 9. Mai 1942 vom „Judenhaus“ in der Goethestraße durch die Straßen von Eisenach bis zum Hauptbahnhof, auf ein ganz normales Gleis, in einen ganz normalen Personenzug. Und man sieht auf den Fotos Eisenacher, die das Geschehen mit Interesse ‒ oder auch mit Desinteresse ‒ verfolgen. Das ist das Bedrückende an diesen Fotos, die vermeintliche Normalität, mit der die Bevölkerung damals die Deportation verfolgte. Für die Menschen war der Holocaust offenbar vollkommen normal.      

 

Vermuteter Fotograf: Theodor Harder, 9.5.1942 (Foto: Stadtarchiv Eisenach)
Vermuteter Fotograf: Theodor Harder, 9.5.1942 (Foto: Stadtarchiv Eisenach)

Die Eisenacher Deportation

In Eisenach dokumentierte vermutlich der von der Stadt beauftragte Fotograf Theodor Harder den Weg der Jüdinnen und Juden durch die Straßen. Am Eingang zum Hauptbahnhof löste sich die Ordnung auf, gewöhnliche Passant*innen und Deportierte
gingen nebeneinander.

 

Schicksale aufklären, Leben rekonstruieren

Was wissen Sie über die Fotos und über die Menschen, die darauf abgebildet sind?

Aus den Deportationslisten, die frei zugänglich sind, kennen wir die Namen aller 58 Personen, die am 9. Mai 1942 aus Eisenach deportiert wurden. Und wir können sie teilweise den Gesichtern auf den Bildern zuordnen. Es ist anzunehmen, dass die Stadtverwaltung selbst den Auftrag zur Anfertigung der Fotos gegeben hat, denn die 18 Bilder umfassende Serie ist unter dem Titel „Exmittierung der Juden“ (Zwangsräumung) Bestandteil einer amtlichen Bildchronik der Stadt Eisenach 1935 bis 1942. Auch in der schriftlichen Stadtchronik gibt es einen Hinweis auf die Deportation.

Sie begleiten auch die Verlegung von Stolpersteinen in Eisenach wissenschaftlich und haben ein Buch dazu herausgegeben, das eine wichtige Quelle für das Projekt #LastSeen ist. Wie viele Schicksale konnten Sie bisher rekonstruieren?

Wir haben bisher 100 Stolpersteine in Eisenach verlegt, die meisten erinnern an jüdische Menschen. Wobei viele von ihnen keine „Ur-Eisenacher“ waren. Jüdische Familien kamen in den Jahren zuvor oft nach Eisenach, um der Verfolgung in noch kleineren Orten zu entgehen. Andererseits flohen Jüdinnen und Juden von hier in die Anonymität der Großstädte und wurden später von dort deportiert. Auch diesen Geschichten sind wir nachgegangen. Dabei versuchen wir nicht nur, die Schicksale der Menschen aufzuklären, sondern ihre Leben zu rekonstruieren.

 

Wie gehen Sie dabei vor?

Wir haben in Unterlagen des früheren Reichssippenamtes die Geburts-, Heirats- und Sterbedaten der jüdischen Bewohner Eisenachs recherchiert. Anhand von Adressbüchern und Dokumenten aus Staats- und Kommunalarchiven konnten wir schrittweise Familienbiographien rekonstruieren. Das Wichtigste für uns hier in Eisenach waren aber die jüdischen Begegnungswochen, die wir 1995, 1999 und 2001 durchgeführt haben und bei denen jeweils 60 bis 80 Überlebende oder deren Nachfahren zu Gast waren. Dabei ist Vertrauen entstanden und viele haben uns persönliche Briefe oder Fotos überlassen. Wir haben mit Zeitzeugen Interviews aufgezeichnet und mit ihnen gemeinsam auf Bilder geschaut.

 

»So werden Opferschicksale in Biographien umgewandelt ‒ darum geht es, das Leben der Menschen, die den Holocaust erlitten haben, greifbar zu machen, ein lebendiges Gedenken zu schaffen, um vor allem junge Leute zu erreichen.«

Dr. Reinhold Brunner, Leiter des Stadtarchivs Eisenach

 

„Geschichte hört nicht auf“

Was treibt Sie an, diese Arbeit zu machen?

Als ich hier 1990 mit der Arbeit begann, musste ich feststellen, dass ich weder in der Schule, noch während meines Studiums in der DDR etwas Wesentliches über die Shoah erfahren hatte. Im Gegenteil, mir wurde klar, wie stark der Holocaust in der DDR instrumentalisiert worden war. Das wollte ich ändern. Im Rückblick sind es vor allem die Begegnungen, der Austausch mit Überlebenden und ihren Nachkommen hier in Eisenach, mit Menschen, die so viel Bitteres erlebt haben, aber mir nie mit Bitterkeit oder Schuldvorwürfen begegnet sind. Ich halte nichts von dem Argument der „Ausschwitzkeule“, wonach den Deutschen der Holocaust zu oft vorgehalten werde. Wir müssen uns diesem Teil der Geschichte stellen, aber nicht mit gesenktem Haupt. Uns Nachgeborene triff keine Schuld, aber wie können diese Geschichte auch nicht entsorgen ‒ Geschichte hört nicht auf.

 

Was erhoffen Sie sich von der Initiative #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen?

Interessant finde ich, dass eine Institution, die ihre Arbeit ursprünglich individuellen Schicksalen gewidmet hat, heute den pädagogischen, erinnerungspolitischen Aspekt stärker in den Mittelpunkt rückt. Das ist wichtig. Hinzu kommt: Erinnern verlegt sich zunehmend in den digitalen Raum – wenn #LastSeen dazu beiträgt, wäre das ein Gewinn.

Dr. Reinhold Brunner, Leiter der Stabstelle Reformationsstadt und Fachbereichsleiter für Bildung, Jugend, Stadtentwicklung und Kultur der Eisenacher Stadtverwaltung, war von 1991 bis 2014 Leiter des Stadtarchivs Eisenach. Darüber hinaus ist er stellvertretender Vorsitzender im Eisenacher Geschichtsverein. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur jüdischen Geschichte, speziell zu jüdischem Leben in der Wartburgstadt.

Wozu diente die Holzkonstruktion?

Oft sind es Details, die wichtige Informationen über die Umstände einer Deportation enthalten. In unserem aktuellen Suchaufruf geht es um eine Holzkonstruktion auf einem Foto aus Brandenburg an der Havel, die dem #LastSeen-Team Rätsel aufgibt.

Frieda Levy, Anton Milewski und Selma Fischer – das sind die Namen der drei Personen, die im Vordergrund des Fotos abgebildet sind. Entstanden ist das Bild am 13. April 1942 auf dem Hof der Gestapo-Stelle in Brandenburg an der Havel. An diesem Tag wurde ein Großteil der Jüdinnen und Juden, die damals in der Havelstadt lebten, über Berlin ins Warschauer Ghetto verschleppt. Dort verlieren sich die Spuren der drei Deportierten.

Die Szene wurde höchstwahrscheinlich von einem Polizei-Kommissar fotografiert, der an der Deportation beteiligt war. Was nach 1945 mit dem Foto geschah, ist ungewiss. Möglicherweise wurde es von Hinterbliebenen aus der verlassenen Polizeistation mitgenommen und später an offizieller Stelle abgegeben. Ein Abzug des Bildes befindet sich heute im Stadtarchiv Brandenburg an der Havel. 

 

Am oberen Bildrand und zwischen der Personengruppe im Hintergrund zu sehen sind die Holzkonstruktionen, zu denen das #LastSeen-Team Hinweise sucht (Foto: Stadtarchiv Brandenburg). 

Welche Funktion hatte das „Gerüst“?

Auffällig sind zwei Holzkonstruktionen neben einer kleinen Gruppe von Menschen im Bildhintergrund und im oberen Bereich des Fotos. Vielleicht Pfeiler für einen Zaun oder ein Bauwerk? Welche Funktion das seltsame „Gerüst“ hatte, konnte bisher nicht geklärt werden.

 

Helfen Sie uns!

Erkennen Sie die Holzkonstruktionen? Haben Sie ähnliche Holzbauten schon einmal gesehen oder davon gelesen? Wissen Sie mehr über die damalige Situation im Hof der Gestapo in Brandenburg an der Havel, vielleicht aus Erzählungen von älteren Verwandten? Helfen Sie uns, mehr Wissen über die Deportationen aus dem Deutschen Reich zwischen 1938 und 1945 zu sammeln. Wenn Sie Fotografien oder Dokumente kennen, schreiben Sie uns bitte.

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Mit #LastSeen auf Fotosuche

#LastSeen setzt auf breite öffentliche Unterstützung. Jeder und jede kann mithelfen, bisher unbekannte Fotos der NS-Deportationen zu finden und zu entschlüsseln. Dr. Christoph Kreutzmüller erklärt, welche Fotos gesucht werden, an wen sich Freiwillige wenden können und was Bring-your-photo-Events sind.

Ich möchte bei #LastSeen mitmachen. Nach welchen Fotos muss ich suchen?

Bei #LastSeen suchen wir nach Fotos, die zeigen, wie Menschen zwischen 1938 und 1945 aus dem Deutschen Reich zwangsweise abtransportiert wurden – Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Romn*ja, aber auch Personen, die den Krankenmorden zum Opfer fielen. Die Bilder können zum Beispiel zeigen, wie Männer, Frauen und Kinder aus ihren Wohnungen abgeholt und in Sammellager gebracht wurden. Oder wie die Behörden die Menschen erfasst und registriert haben, ein sehr aufwendiger Prozess. Oder wie sie in Züge gepfercht und verschleppt wurden. 

 

Wie verbreitet waren Kameras damals in der Bevölkerung?

Es gibt Schätzungen, wonach es 1939 im Deutschen Reich rund 10 Millionen Kameras gab. Die meisten Menschen besaßen aber eher einfache Knipser, oft Boxkameras, ganz wenige eine Leica, die sehr teuer war. Neben der professionellen gab es also schon eine Hobbyfotografie, die auch vom Regime unterstützt wurde.

 

Die Fotos und wo sie zu finden sind

Wo lohnt es sich, nach Fotos zu suchen?

Überall dort, wo historische Fotos aufbewahrt werden, zum Beispiel in alten Fotoalben der Familie, in Schuhkartons oder den typischen zeitgenössischen Zigarrenkisten, die vielleicht im Schrank oder auf dem Dachboden liegen.

In Fotoschachteln oder Familienalben aus der NS-Zeit können sich zum Beispiel Deportationsfotos verstecken (Foto: Christoph Kreutzmüller).

 

Wir haben im Rahmen von #LastSeen zwar schon über 1.700 Archive in Deutschland angeschrieben, aber es gibt sicher noch kleinere Archive, die wir bisher nicht erreicht haben. Gerade in der Frühzeit der Deportationen, also 1938/39, wurde oft noch in der Zeitung darüber berichtet. Fotos könnten also auch in historischen Ausgaben von Lokalzeitungen zu finden sein, die vielleicht in der Stadtbibliothek oder beim örtlichen Zeitungsverlag aufbewahrt werden.  

 

Wo vermuten Sie die meisten Bilder?

Der Historiker Klaus Hesse hat mal geschrieben, dass Deportationen eine „kleinstädtische Sensation“ waren. Tatsächlich kennen wir viel mehr Fotos aus kleinen Städten und Gemeinden als aus Großstädten. Hier fielen Deportationen besonders auf und die zuständigen Behörden haben vielleicht mal ein Auge zugedrückt, wenn die Transporte fotografiert wurde. Außerdem wurden Kleinstädte im Krieg weniger bombardiert. Aus Metropolen sind fast keine Fotos bekannt, obwohl von hier aus sehr viele Deportationszüge starteten. Ein Foto aus Berlin, Frankfurt oder Hamburg zu entdecken, wäre eine echte Sensation.

 

»Was wir bisher gelernt haben ist, dass Fotos von Deportationen oft gar nicht so aussehen, wie wir es uns vorstellen. Unser Bild von Deportationen ist stark geprägt von der Ankunft der Viehwaggons in Auschwitz-Birkenau, wo Menschen aus diesen Waggons auf eine Rampe strömen.« 

Dr. Christoph Kreutzmüller, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

 

Welche Details deuten darauf hin, dass es sich um ein Deportationsbild handelt?

Typisch sind Gruppen oder ganze Züge von Menschen mit oder ohne Gepäck, die auf der Straße durch einen Ort gehen. Nicht immer sind Wachposten zu sehen, denn die Überwachung war allgegenwärtig und funktionierte auch so. Manchmal können wir einen Judenstern auf der Kleidung entdecken, manchmal ist der aber auch verdeckt – oder nur auf den dritten Blick zu erkennen. Bei den Jüdinnen und Juden, die deportiert wurden, handelte es sich oft um ältere Menschen, die Sinti*zze und Romn*ja waren meist jünger.

 

Foto von der letzten Deportation aus Kitzingen, (Foto: Staatsarchiv Würzburg / Fotograf: Lothar Heer, 21.9.1942)
Am 28. April 1942 holte die Gestapo Anneliese, Berta, Else, Georg und Hugo Löwenstein, Lina, Kurt, Moritz und Paul Meyberg, Erna Levy und Henriette Schlesinger mit einem Lastwagen aus Hohenlimburg ab und brachte sie nach Hagen, von wo aus sie in das von Deutschland besetzte Polen verschleppt wurden (Foto: Stadtarchiv Hagen / Fotograf: Rudolf Ante, 28.4.1942).

Woran kann man eine Deportation erkennen?

Die Fotos, die wir aus dem Reichsgebiet gefunden haben, zeigen oft ganz normale Bahnhöfe mit regulärem Zugverkehr. Es sind Abteilzüge zu sehen, oft schäbige Dritte-Klasse-Waggons , aber auch Busse oder LKWs , mit denen die Verfolgten aus ihren Wohnungen abgeholt wurden – daran erinnert auch unsere Wanderausstellung im historischen LKW.

 

 

Bring your photo: Austausch im Web und vor Ort

An wen kann ich mich wenden, wenn ich ein Foto gefunden habe?

Wer ein Foto findet, das für #LastSeen interessant sein könnte, kann sich per E-Mail an lastseen@arolsen-archives.org oder auch per Post an die Arolsen Archives wenden. Auf der Website lastseen.org sind alle Kontaktmöglichkeiten aufgeführt. Dazu reicht es, das Bild einfach abzufotografieren, am besten von beiden Seiten, und uns zu schicken. Außerdem organisiert unser Team regelmäßig Veranstaltungen unter dem Motto „Bring-your-photo“, die Termine sind auch auf der Website zu finden.

 

Was sind Bring-your-photo-Events?

Bei diesen Veranstaltungen schauen wir uns die Fotos an, die Freiwillige gefunden haben, und helfen bei der Einordnung. Manchmal gibt es zum Beispiel handschriftliche Notizen auf der Rückseite des Fotos oder Bildunterschriften im Album. Oder wir finden Bilddetails, die uns weiterhelfen. Ich beschäftige mich zum Beispiel gerade mit einer Fotoserie aus Eisenach. In manchen Bildern sind blühende Kirschbäume zu sehen – daher wissen wir, dass sie Ende April oder Anfang Mai aufgenommen worden sein müssen. Diese offenen Foto-Sprechstunden finden einmal monatlich online statt. Außerdem organisieren wir auch Live-Veranstaltungen vor Ort, in der Regel da, wo sich gerade der #LastSeen-LKW befindet.   

 

In Eisenach dokumentierte der von der Stadt beauftragte Fotograf Theodor Harder den Weg der Jüdinnen und Juden durch die Straßen. Das Foto ist Teil einer Bildserie (Foto: Stadtarchiv Eisenach / Fotograf: Theodor Harder, 9.5.1942).

 

Wenn ich mein Foto dem Projekt zur Verfügung stellen möchte, muss ich dann das Original und die Rechte daran abgeben?

Nein, alle Rechte bleiben bei den Eigentümer*innen. Für das Projekt reicht uns ein Foto oder ein Scan des Originals und die Erlaubnis, die digitale Kopie zu verwenden.  

 

Was passiert mit den Digitalisaten?

Wir sammeln die Deportationsbilder und katalogisieren sie. Dann werten wir sie inhaltlich aus, vergleichen sie und ordnen sie in den historischen Kontext ein. Wir versuchen Orte und Personen zu identifizieren und weitere Materialien zu finden, die uns dabei helfen, die abgebildete Situation zu verstehen. Diese Informationen werden dann zusammen mit den Fotos in einem digitalen Bildatlas veröffentlicht, der Ende 2022 online geht.

 

Was erhoffen Sie sich persönlich von der Initiative?

Ich hoffe einerseits, dass wir in der Gesamtschau der Fotos ein klareres Bild davon bekommen, wie die Verschleppungen organisiert waren und warum sie ungestört in aller Öffentlichkeit geschehen konnten. Das andere ist, dass wir die Fotos im Sinne des Gedenkens an die Betroffenen sammeln und würdig und ethisch verantwortungsvoll mit diesen wichtigen Quellen umgehen wollen.

 

 

Dr. Christoph Kreutzmüller arbeitet im Forschungsteam von #LastSeen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, einem der #LastSeen-Kooperationspartner. Er ko-kuratierte die Ausstellungen „Gurs 1940 – Die Deportation und Ermordung von südwestdeutschen Jüdinnen und Juden“ sowie das Segment „Katastrophe. Die Reaktionen der Jüdinnen und Juden in Deutschland auf die Verfolgung“ im Jüdischen Museum Berlin. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind viele zur Fotogeschichte, etwa:

  • „Fixiert. Fotografische Quellen zur Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa. Eine pädagogische Handreichung“, Bonn und Berlin 2016 (mit Julia Werner)
  • „Die Fotografische Inszenierung des Verbrechens. Ein Album aus Auschwitz“, Bonn 2020 (mit Tal Bruttmann und Stefan Hördler)

 

Eisenach: Wer ist der Junge mit der Krone?

Deportationen fanden in aller Öffentlichkeit statt. Häufig gab es Zuschauer*innen, wie zum Beispiel eine Fotoserie aus dem Stadtarchiv Eisenach von 1942 belegt. Wir suchen nach einem kleinen Jungen, der auf diesen Bildern zu sehen ist, und bitten dabei um Ihre Mithilfe.

Am 9. Mai 1942 wurden 58 Jüdinnen und Juden aus dem thüringischen Eisenach über Weimar in das Ghetto Belzyce im deutsch besetzten Polen deportiert. Niemand überlebte. Von dieser Deportation ist eine der seltenen Fotoserien überliefert. Die Bilder zeigen den bewachten Marsch der Menschen vom „Judenhaus“ in der Eisenacher Goethestraße zum Hauptbahnhof. Im Bildhintergrund sind Zuschauer*innen zu sehen.

 

Wer ist dieser Junge? (Foto: Stadtarchiv Eisenach)
Deportation aus Eisenach in das Ghetto Belzyce vom 9. Mai 1942 (Foto: Stadtarchiv Eisenach)

Zuschauer*innen und Opfer der Deportation aus Eisenach

Der Deportationszug aus Eisenach wurde von vielen Zuschauer*innen beobachtet. Wir suchen einen jungen Augenzeugen, der mehr über das Geschehen des 9. Mai 1942 wissen könnte. Links sehen Sie eine Nahaufnahme von ihm, rechts unten können Sie ausfindig machen, wo er im Foto steht.

 

Ein junger Beobachter

Einer der Zuschauer ist ein kleiner Junge. Er begleitet den Deportationszug sogar ein Stück durch die Stadt. Vermutlich ist er zum Zeitpunkt der Aufnahme sechs oder sieben Jahre alt. Wahrscheinlich lebte er in der Nähe des Hauptbahnhofes.

Der Junge fällt in der Menge besonders durch seinen außergewöhnlichen Kopfschmuck auf – eine Haube mit Federn oder eine Königskrone. Der 9. Mai muss für ihn ein ganz besonderer Tag gewesen sein. Hatte er vielleicht Geburtstag?

Möglicherweise lebt der unbekannte Junge noch und kann über die Geschehnisse im Mai 1942 in Eisenach berichten?

 

Helfen Sie uns!

Wer ist dieser Junge? Wo wohnte er? Wenn Sie ihn erkennen oder von anderen Zuschauer*innen oder von Zeugnissen der Deportation aus Eisenach wissen, schreiben Sie und helfen uns!

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Wer waren diese Mädchen?

In unserer Rubrik #Gesucht bitten wir regelmäßig um Mithilfe bei der Suche nach oder der Entschlüsselung von Fotos der NS-Deportationen. Heute suchen wir nach der Identität von zwei Kindern aus München, die 1941 deportiert und ermordet wurden.  

Es ist eines der bekanntesten Deportationsfotos: Zwei junge Mädchen stehen vor einer Holzbaracke, sie tragen warme Winterkleidung, auf ihren Mänteln ist ein Judenstern zu sehen. Im Hintergrund stapeln sich Bündel, vielleicht das Hab und Gut der Menschen, die nur wenig später von München nach Kaunas in Litauen deportiert werden sollten.

 

Foto: Stadtarchiv München

 

Bis heute ist nicht geklärt, wer diese Mädchen sind. Denn gerade Kinder sind auf Deportationsfotos nur schwer zu identifizieren, weil es kaum Vergleichsfotos gibt, die helfen könnten, ihre Namen herauszufinden und ihre Geschichten zu rekonstruieren.

 

Was bisher bekannt ist

Sicher ist nur, dass die beiden Mädchen zu einer Gruppe von fast 1.000 Frauen, Männern und Kindern gehörten, die im November 1941 aus ihren Wohnungen abgeholt und ins Sammellager im Münchener Stadtteil Milbertshofen transportiert wurden, wo dieses Bild entstand. Am 20. November 1941 wurden sie von der Gestapo auf dem nahegelegenen Güterbahnhof in einen Zug verfrachtet und in den Tod geschickt. Es war die erste von 36 Deportationen aus der bayerischen Landeshauptstadt.  

Von dieser Deportation existiert eine der wenigen Bildserien, insgesamt 14 Fotos, die mindestens zwei Phasen der Deportation abbilden: Zehn Bilder entstanden bei der Ankunft der Jüdinnen und Juden im Sammellager Milbertshofen. Vier Bilder wurden in den frühen Morgenstunden des 20. November aufgenommen und zeigen unter anderem, wie die Menschen in die Züge verladen werden. Vermutlich existieren weitere Bilder.

 

Schwierige Identifizierung von Personen

Die Fotografien, darunter das Foto der beiden Mädchen, werden zurzeit am Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München gemeinsam mit dem Stadtarchiv München aufwendig untersucht. Obwohl die Bilder seit Ende der 1990er Jahre bekannt sind, gibt es viele offene Fragen: Wer war der Fotograf? Wer die beteiligten Beamten? Vor allem aber: Wer ist auf den Bildern zu sehen?

 

Helfen Sie uns!

Wissen Sie mehr über die beiden Mädchen aus München? Haben Sie ihre Gesichter schon einmal auf anderen Fotos gesehen? Erkennen Sie Details an ihrer Kleidung? Helfen Sie uns, mehr Wissen über die Deportationen aus dem Deutschen Reich zwischen 1938 und 1945 zu sammeln. Wenn Sie Fotografien oder Dokumente kennen, schreiben Sie uns bitte.

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Bildserie aus München: Deportationsfotos verstehen und einordnen

Im Herbst 1941 begannen die ersten großen NS-Deportationen aus dem Deutschen Reich. Allein am 20. November 1941 wurden fast 1.000 Jüdinnen und Juden von München nach Kaunas in Litauen verschleppt und ermordet. 14 Fotografien sind von dieser Deportation überliefert – eine seltene Ausnahme. Die Bilder werden nun im Rahmen von #LastSeen systematisch entschlüsselt. 

Am frühen Morgen des 20. November 1941 pferchte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) 997 Jüdinnen und Juden auf dem Güterbahnhof im Münchner Stadtteil Milbertshofen in einen Deportationszug. Frauen, Männer und Kinder, darunter viele Familien. Sie alle wurden in das etwa 1.500 Kilometer entfernte Kaunas in Litauen deportiert – niemand kehrte zurück. Es war der erste von 36 Deportationszügen, mit denen Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Rom*nja von München aus an Orte wie Kaunas, Piaski, Auschwitz oder Theresienstadt verschleppt wurden. 

Einige Tage vor ihrem Abtransport waren die Jüdinnen und Juden aus München und Umgebung in das nahegelegene Sammellager Milbertshofen gebracht worden, wo Beamte Ausweispapiere und Gepäck kontrollierten. Dort und wenige Tage später während der Zwangsabfertigung am Bahnhof entstand eine der wenigen Fotoserien, die heute von den Deportationen aus dem Deutschen Reich bekannt sind. Insgesamt sind 14 Fotos überliefert.

 

Die Bilder und ihre Geschichte

Zehn dieser Bilder zeigen die Ankunft im Sammellager Milbertshofen: Personen, die samt ihrem Gepäck deportiert werden sollten, aber auch Helfer sowie die völlig überfüllten Lagerbaracken sind darauf zu sehen. Vier weitere Bilder dokumentieren unter anderem, wie Uniformierte die Jüdinnen und Juden beim Einsteigen in den Zug auf dem Güterbahnhof bewachen. Nicht abgebildet ist, wie die Menschen aus ihren Wohnungen abgeholt und zum Sammellager transportiert wurden.

 

München, 20. November 1941: Die erste Deportation von München ins litauische Kaunas gehörte zu den wenigen, die bei Nacht durchgeführt wurden (Foto: Stadtarchiv München).

 

Wer die Fotos gemacht hat, ist bis heute ungeklärt. Gefunden wurden sie im Nachlass von Michael Meister, der dem Stadtarchiv München 1999 übergeben wurde. Der promovierte Jurist und Rechtsrat war Autor des Manuskripts „Die Geschichte der Juden in München“, einem antisemitisch geprägten Pamphlet, das er mit den Bildern der Deportation illustrierte. Wahrscheinlich hat er die Fotos aber nicht selbst aufgenommen, sondern von einer der Behörden bekommen, die an den Deportationen in München beteiligt waren.

 

Historische Kontexte rekonstruieren

In akribischer Forschungsarbeit wollen die Historiker*innen am Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München jetzt mehr über die Entstehungsgeschichte der Bilder in Erfahrung bringen. In welcher Beziehung stand Michael Meister zu den Tätern? Zu welchem Zweck wurden die Bilder angefertigt? Eine Vermutung ist, dass die Fotografien den ordnungsgemäßen Ablauf der Deportation darstellen sollten, denn viele Fotos zeigen kleinräumige Bildausschnitte und auffällig geordnete Szenen. Doch weil nur Abzüge und keine Negativstreifen überliefert sind, kann die genaue Abfolge der Serie nicht rekonstruiert werden.

 

Identifizierung von Personen und Orten

Besonderes Augenmerk liegt auf der Analyse der Bildinhalte, vor allem auf der Frage: Welche Personen sind abgebildet? Ein wertvolles Hilfsmittel für die Identifizierung von Personen ist das Biografische Gedenkbuch, in dem Datensätze zu über 5.000 von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdinnen und Juden aus München gespeichert sind, viele davon mit Passfoto aus der Zeit 1938/39. Die automatisierte Suche nach Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Ereignissen oder Beziehungen schränkt den Kreis von Personen ein. Durch den manuellen Abgleich von Fotos, ergänzt durch weitere Recherchen versuchen die Historiker*innen, Namen und Lebensgeschichten der Abgebildeten zu rekonstruieren.

 

Passbild aus dem Biografischen Gedenkbuch (Foto: Stadtarchiv München)
Gepäckkontrolle im Sammellager Milbertshofen wenige Tage vor der Deportation (Foto: Stadtarchiv München)

Wie Personen identifiziert werden können

Die Personen auf den Deportationsbildern werden mit den Fotos der Kennkarten verglichen, um wie hier mögliche Übereinstimmungen zu finden und auf diese Weise Personen zu identifizieren.

 

Weitere Forschungen widmen sich der Frage, wo die Aufnahmen genau entstanden sind. Lassen sich Orte und Blickwinkel exakt lokalisieren? Dazu sichten die Wissenschaftler*innen zum Beispiel historische Pläne, Luftbilder oder Aufnahmen des Sammellagers und suchen nach markanten Details in den Deportationsfotos. Teilweise lassen sich Gebäude oder Gleisanlagen sogar noch heute im Stadtgebiet verorten.

 

Digitaler Bildatlas #LastSeen

Die aufwendige Tiefenerschließung der Fotoserie aus München ist Teil der Initiative #LastSeen. Ihre Ergebnisse fließen in den digitalen Bildatlas ein, der im Rahmen von #LastSeen bis Ende 2022 entwickelt und im Internet veröffentlicht wird. Dabei wird es nicht zuletzt auch darum gehen, kenntlich zu machen, was bisher nicht geklärt, wer nicht identifiziert werden konnte. Denn:

 

»Transparenz ist das Grundprinzip des digitalen Kuratierens. Wir müssen uns der Grenzen der Erschließungsarbeit bewusst sein, unser Vorgehen offenlegen und Unsicherheiten oder Leerstellen sichtbar machen, um uns den realen Geschehnissen anzunähern.« 

Dr. Maximilian Strnad, Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München

 

 

Dr. Maximilian Strnad ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München, das Partner bei der Initiative #LastSeen ist. Er wurde mit einer Arbeit über die „Mischehen“ 1933-1949 promoviert. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung mit Fokus auf Deportationen. Derzeit arbeitet er zu kommunaler Erinnerung an die Opfer der NS-Verfolgung mit Schwerunkt digitale Formen des Gedenkens und ihrer Vernetzung.

Regensburger*innen entschlüsseln
Details zu Deportationsfoto

Im Februar gastierte #LastSeen in Regensburg. Die Historikerin Katharina Lenz hat die Ausstellung zu Fotos der NS-Deportationen auf dem Haidplatz besucht. Eines der Bilder auf den Tafeln zeigt die Deportation von Regensburger Jüdinnen und Juden im Jahr 1942. Mit Unterstützung der Facebook-Gruppe „Regensburger damals“ gelang es ihr, mehr über dieses Foto herauszufinden.

Deportation von Jüdinnen und Juden in Regensburg, April 1942 (Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation)

 

Etwa 80 Menschen, schwer beladen mit Koffern und Taschen, stehen dicht gedrängt auf einem Platz vor einem Bauzaun im Hof eines Häuserblocks. Sie werden von mehreren uniformierten Polizisten bewacht. Das Foto stammt aus dem Stadtarchiv Regensburg und zeigt Jüdinnen und Juden, die im April 1942 von Regensburg nach Piaski in Polen verschleppt wurden – so viel ist bekannt.    

Darüber hinaus wirft die Fotografie viele Fragen auf: Wo genau spielte sich die Szene in Regensburg ab? Wer hat sie fotografiert? Anders als die meisten bekannten Deportationsfotos wurde das Bild aus größerer Distanz aufgenommen. Das spricht dafür, dass es heimlich gemacht wurde. Aber aus welchem Gebäude? Und warum? In der lokalhistorisch engagierten Facebook-Gruppe „Regensburger damals“ trugen die Mitglieder ihr Wissen aus regionalen Publikationen, örtlichen Adressbüchern und Archiven zusammen ‒ und fanden erste Antworten.

 

Der Ort des Geschehens

Aus dem Buch „‚Die Firma ist entjudet‘ – Schandzeit in Regensburg 1933-1945“ von Waltraud Bierwirth aus dem Jahr 2017 stammt zum Beispiel der Hinweis, dass die Menschen sich auf dem Platz der ehemaligen Synagoge in der Schäffnerstraße befinden, die in der Reichsprogramnacht 1938 zerstört worden war. In der Bildunterschrift ist zu lesen: „4. April 1942: Auf dem Platz der ehemaligen Synagoge sammelte die Gestapo am frühen Samstagmorgen vor Ostern die zur Deportation bestimmten Juden.“

Hinter dem Bretterzaun, so heißt es in der Veröffentlichung „Regensburger Juden – Jüdisches Leben von 1519 bis 1990“ von Siegfried Wittmer, habe sich die Reichsbank befunden. „Die kahle Mauer links gehört zum Nordflügel des […] vom Brand nicht erfassten Gemeindehauses. An sie schloss sich bis zur Pogromnacht unmittelbar die Synagoge an.“

 

Der Abbruch der ausgebrannten Synagoge, 23. November 1938 (Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation)
Außenansicht der Synagoge (Schäffnerstraße 2 - heute: Am Brixener Hof 2) (Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation)

Die Regensburger Synagoge

Die 1912 erbaute Synagoge mit dem angebauten Gemeindehaus befand sich in der Schäffnerstraße 2 in Regensburg. Sie wurde in der Reichpogromnacht niedergebrannt und wenig später abgerissen. Auf diesem Platz wurden die Jüdinnen und Juden im April 1942 versammelt.

Der Fotograf – ein Flugzeugklempner?

Einer Regensburger Überlieferung zufolge hatte ein Bankdirektor das Foto heimlich aus seiner Wohnung heraus aufgenommen, eine Vermutung, der die Gruppe nachging. Doch der einzige Bankdirektor, den die Mitglieder ausfindig machen konnten, wohnte laut Regensburger Adressbuch von 1936/37 in der Schwarzen-Bären-Straße 10. Seine Wohnung befand sich im Obergeschoss der Reichsbank – im Gebäude mit den Bogenfenstern, das auf dem Foto im Hintergrund zu sehen ist. Offenbar eine falsche Spur. 

Mitglieder der Gruppe rekonstruierten daraufhin auf Google Maps die Aufnahmerichtung und fanden heraus, dass das Foto aus dem 2. Obergeschoss des schräg gegenüberliegenden Hauses in der Schäffnerstraße 9 aufgenommen worden sein muss. Laut Regensburger Adressbuch von 1939 wohnte hier unter anderem der Flugzeugklempner Josef Amann. „Wenn er als Arbeiter im Messerschmitt Flugzeugwerk tätig war, was naheliegend ist“, so Katharina Lenz, „dürfte er vergleichsweise gut verdient haben und käme als Besitzer eines Fotoapparates in Frage“. Ob Josef Amann tatsächlich der Fotograf des Regensburger Deportationsbildes war, muss noch durch weitere Recherchen bestätigt werden.

 

Grundriss der Synagoge Regensburg des Architektenbüros Koch/Spiegel von 1911. Er zeigt auch den Verlauf der Luzengasse und der Schäferstraße (Foto: Stadtarchiv Regensburg, Plan- und Kartensammlung, 226 – Nachlass Schmetzer 4).

 

Verortung in der Schäffnerstraße

Für die Verortung des Fotostandorts spricht noch ein weiteres Detail: Links im Deportationsfoto sind die markanten Ecksteine eines Hauses zu sehen, das die Mitglieder der Facebook-Gruppe anhand einer Aufnahme aus dem Regensburger Baualtersplan als Eckhaus Luzengasse / Schäffnerstraße (heute: Am Brixener Hof) identifizieren konnten.

Diese und weitere Ergebnisse der historisch interessierten Ortskundigen fließen nun in die Arbeit von #LastSeen ein und tragen dazu bei, das Wissen über die Deportationsfotos zu erweitern.

 

Helfen Sie uns!

In der Rubrik #Gefunden berichten wir regelmäßig über Ergebnisse und Funde im Rahmen der Initiative #LastSeen. Wenn Sie mehr über das Foto aus Regensburg wissen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf! 

Kontakt

Katharina Lenz ist freie Historikerin (M.A.) und Publizistin in Regensburg und Umgebung.

Suche nach Deportationsfotos
aus Memmingen

In unserer Rubrik #Gesucht bitten wir regelmäßig um Mithilfe bei der Suche nach oder der Entschlüsselung von Fotos der NS-Deportationen. Heute fragen wir nach verschollenen Fotografien aus Memmingen.

 

Alltagsszene am Bahnhof Memmingen, 1944 (Foto: Stadtarchiv Memmingen)

 

Am 31. März 1942 wurden 49 Jüdinnen und Juden aus Memmingen und Umgebung vom städtischen Bahnhof aus über München in das Ghetto Piaski im deutsch besetzten Polen deportiert. Das geht aus dem Monatsbericht der Memminger Schutzpolizei für März 1942 hervor. In diesem Bericht, der an Bürgermeister Dr. Heinrich Berndl und Landrat Karl Wohlfahrt gerichtet war, erwähnt der Memminger Schutzpolizist Ferdinand Heindl auch, dass er den „Auszug der Juden aus Memmingen“ persönlich „im Bilde“ habe „festhalten lassen“ – doch bis heute sind diese Fotos verschollen.

 

Monatsbericht der Memminger Schutzpolizei für März 1942, Auszug 1 (Foto: Stadtarchiv Memmingen, B EAPl 024)

Monatsbericht der Memminger Schutzpolizei für März 1942, Auszug 2 (Foto: Stadtarchiv Memmingen, B EAPl 024)

 

Wörtlich heißt es im Monatsbericht: „Der Judentransport vom Rathaus zum Bahnhof Memmingen erweckte in der Stadt grosses Aufsehen. Ich habe ihn auch im Bilde festhalten lassen, weil der Auszug der Juden aus Memmingen, die früher hier sehr tonangebend waren, als ein Ereignis bezeichnet werden muss. […] Die Ansichten der Bevölkerung waren geteilt. Die einen lachten über den Judenauszug u. die anderen hatten Bedauern mit ihnen.“ (Stadtarchiv Memmingen, B EAPl 024)

 

Was ist über die Familien bekannt?

Durch Forschungen zur jüdischen Geschichte Memmingens konnten zwar die Namen der deportierten Menschen rekonstruiert werden. Über ihr Leben, insbesondere in den Tagen der Ausgrenzung und Diskriminierung ab 1933, ist jedoch wenig bekannt.

Aus Dokumenten geht hervor, dass der Memminger Landrat am 30. März 1942 von der Gestapo den Auftrag für den Abtransport nach München erhielt. Die betroffenen Familien wurden aufgefordert, mehrseitige Vermögenserklärungen für das Finanzamt abzugeben. Schon am 31. März 1942 mussten sie Memmingen mit dem Frühzug nach München verlassen. Von dort aus wurden sie am 4. Mai zusammen mit weiteren Frauen, Männern und Kindern aus Oberbayern und Schwaben in das Ghetto Piaski deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Vermutlich wurden sie in den Vernichtungslagern Belcez und Sobobor ermordet.

 

Helfen Sie uns!

Wer kennt die im Bericht erwähnten Fotos oder andere Aufnahmen der damaligen Geschehnisse? Wurden die Bilder zerstört? Oder gibt es noch Abzüge in privaten Alben oder lokalen Archiven? Wissen Sie mehr darüber, wie die Deportation in Memmingen durchgeführt wurde? Helfen Sie uns, mehr Wissen über die Deportationen aus dem Deutschen Reich zwischen 1938 und 1945 zu sammeln. Wenn Sie Fotografien oder Dokumente kennen, schreiben Sie uns bitte.

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