Ein wichtiger Aspekt des Projektes ist es, die Bilder der Deportationen noch besser für die Bildungsarbeit nutzbar zu machen. Dr. Christoph Kreutzmüller ist bei #LastSeen federführend für die Konzeption und Erstellung des partizipativen Bildungsprogramms zuständig. Wir haben ihm fünf Fragen zu diesem Bereich gestellt.

Warum ist das Thema „Bilder von Deportationen“ spannend?

Die Fotos zeigen, dass die Deportationen von der Polizei, der Stadtverwaltung und der Bahn organisiert wurden. Der Vorgang konnte beobachtet werden und wurde beobachtet – auch von den Fotografen. Die Fotografien zeigen neben den Deportierten auch viele Täter und Zuschauer*innen. Häufig sieht man hier, wie die Blicke der Nachbarn den abgebildeten Deportierten auf ihrem Weg ins Ungewisse folgten. Heute wissen wir, dass dieser Weg meist direkt in den Tod ging. Das macht die Bilder für uns heute so eindringlich.

 

Warum eignet sich das Bildmaterial gut für den Einsatz an Schulen?

Die Bilder eignen sich für alle- sie gehen uns auch alle an! 

Für den Unterricht eignen sie sich aber speziell, weil sie über Sprachgrenzen hinweg ganz konkrete Redeanlässe bieten. Wir können für alle sichtbare Vorgänge zusammen entdecken und miteinander besprechen. Außerdem können die Bilder von damals die Lernenden von heute anregen, sich in die Lage der dargestellten Personen zu versetzen. Nicht nur in die Lage der Opfer, sondern auch der Täter und der Zuschauer*innen. Das führt dann zu Fragen, denen wir uns stellen müssen: Wie hätte ich reagiert, wenn ich es damals mitbekommen hätte? Und wie steht es bei Situationen hier und heute, wenn uns da offensichtliches Unrecht begegnet? Werden wir aktiv? Handeln wir oder bleiben wir passive Zuschauer*innen? Gibt es überhaupt so etwas wie passive Zuschauer*innen – oder sind wir Zuschauer*innen nicht immer auch Publikum?

 

»Einige der Bilder, wie das jener zwei Mädchen aus München, sind inzwischen zu Bildikonen geworden, und werden vielfach sowohl in Ausstellungen als auch in Projekten mit Schüler*innen verwendet. Die fehlende Identifizierung der Personen erschwert bislang jedoch die pädagogische Vermittlungsarbeit.«

Dr. Christoph Kreutzmüller, Arolsen Archives/Haus der Wannsee-Konferenz

 

Die Suche nach Hinweisen in Deportationsbildern

Was können wir aus den Bildern lesen lernen, wenn wir genau hinschauen?

Die Bilder sind großartige historische Quellen. Sie haben zuweilen etwas von den berühmten Wimmelbildern und bergen eine Fülle von Details, die wir entdecken können. Wir können viel über die Fotografen lernen und wie sie die Fotos inszenierten. Die verschiedenen Täter lassen sich beispielsweise an ihren unterschiedlichen Uniformen ebenso erkennen wie herumstehende Nachbar*innen – darunter auch viele Kinder. Auch die Betroffenen, von denen wir im Laufe des Projekts viele weitere identifizieren wollen, lassen sich oft gut erkennen. Fotos werden so zu Fenstern in die Vergangenheit. Die Deportationen sind ein zentrales Charakteristikum des NS-Regimes und jener Moment im Verfolgungs- und Vernichtungsprozess, der in der Öffentlichkeit stattfand. Zu diesen öffentlichen Akten der Exklusion aus der Mehrheitsgesellschaft konnte man sich verhalten, mit Zustimmung, Mitleid, Desinteresse oder auch, wenngleich sehr selten, mit Gesten der Solidarität. Und sehr oft sehen wir hier das letzte Bild, das es von den Menschen gibt, die in die Lastwagen oder in die Züge steigen mussten.

 

Rosenstraße in Berlin

Frauen-Protest in der Berliner Rosenstraße. Ende Februar/Anfang März 1943 wurden jüdische Männer von der Gestapo inhaftiert. Dagegen protestierten ihre nicht-jüdischen Frauen – auch weil sie befürchteten, dass ihre Männer vielleicht deportiert werden würden. Auch wenn die Männer nicht für eine Deportation vorgesehen waren, bewiesen die Frauen großen Mut.

 

Worauf sollten wir achten?

Es ist wichtig, den Betroffenen mit Respekt zu begegnen, und wir sollten lernen, nicht zu schnell zu schauen. Das Auge ist ein schneller Verführer. Wir glauben vieles mit einem Blick erfassen zu können, sollten uns aber selbst ab und zu auf die Finger klopfen und nochmal hinschauen. Und danach vielleicht nochmal und nochmal und nochmal…

 

Gemeinsamen stellen wir Fragen an die Bilder

Gibt es allgemeine Fragen, die Sie bezüglich der Bilder haben?

Viele Fragen sind noch offen. Zum Beispiel warum die Mehrheit der Fotos, die wir kennen, in kleineren Städten aufgenommen wurden. Oder warum sind keine Bilder aus Berlin überliefert? Eine weitere Frage, die ich mir stelle, ist, warum keine Fotos der Deportationen der Jüdinnen und Juden nach Ende 1942 bekannt sind, wohl aber Fotos der Deportationen der Sinti aus dem Jahr 1943. Und ich bin gespannt, welche Fragen die Lernenden angesichts der Beschäftigung mit den Bildern noch stellen und welche Antworten auf Fragen wir gemeinsamen mit vielen Mitwirkenden im Laufe des Projekts #LastSeen finden.

 

Dr. Christoph Kreutzmüller arbeitet für die Arolsen Archives. Er ist darüber hinaus Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, einem der #LastSeen-Kooperationspartner. Er kuratierte die Ausstellungen (mit Kerstin Stubenvoll) „Gurs 1940 – Die Deportation und Ermordung von südwestdeutschen Jüdinnen und Juden“ sowie „Katastrophe. Die Reaktionen der Jüdinnen und Juden in Deutschland auf die Verfolgung“ im Jüdischen Museum Berlin. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind viele zur Fotogeschichte, etwa:

  • „Fixiert. Fotografische Quellen zur Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa. Eine pädagogische Handreichung“, Bonn und Berlin 2016 (mit Julia Werner)
  • „Die Fotografische Inszenierung des Verbrechens. Ein Album aus Auschwitz“, Bonn 2020 (mit Tal Bruttmann und Stefan Hördler)

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