Bildserie aus München: Deportationsfotos verstehen und einordnen

Im Herbst 1941 begannen die ersten großen NS-Deportationen aus dem Deutschen Reich. Allein am 20. November 1941 wurden fast 1.000 Jüdinnen und Juden von München nach Kaunas in Litauen verschleppt und ermordet. 14 Fotografien sind von dieser Deportation überliefert – eine seltene Ausnahme. Die Bilder werden nun im Rahmen von #LastSeen systematisch entschlüsselt. 

Am frühen Morgen des 20. November 1941 pferchte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) 997 Jüdinnen und Juden auf dem Güterbahnhof im Münchner Stadtteil Milbertshofen in einen Deportationszug. Frauen, Männer und Kinder, darunter viele Familien. Sie alle wurden in das etwa 1.500 Kilometer entfernte Kaunas in Litauen deportiert – niemand kehrte zurück. Es war der erste von 36 Deportationszügen, mit denen Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Rom*nja von München aus an Orte wie Kaunas, Piaski, Auschwitz oder Theresienstadt verschleppt wurden. 

Einige Tage vor ihrem Abtransport waren die Jüdinnen und Juden aus München und Umgebung in das nahegelegene Sammellager Milbertshofen gebracht worden, wo Beamte Ausweispapiere und Gepäck kontrollierten. Dort und wenige Tage später während der Zwangsabfertigung am Bahnhof entstand eine der wenigen Fotoserien, die heute von den Deportationen aus dem Deutschen Reich bekannt sind. Insgesamt sind 14 Fotos überliefert.

 

Die Bilder und ihre Geschichte

Zehn dieser Bilder zeigen die Ankunft im Sammellager Milbertshofen: Personen, die samt ihrem Gepäck deportiert werden sollten, aber auch Helfer sowie die völlig überfüllten Lagerbaracken sind darauf zu sehen. Vier weitere Bilder dokumentieren unter anderem, wie Uniformierte die Jüdinnen und Juden beim Einsteigen in den Zug auf dem Güterbahnhof bewachen. Nicht abgebildet ist, wie die Menschen aus ihren Wohnungen abgeholt und zum Sammellager transportiert wurden.

 

München, 20. November 1941: Die erste Deportation von München ins litauische Kaunas gehörte zu den wenigen, die bei Nacht durchgeführt wurden (Foto: Stadtarchiv München).

 

Wer die Fotos gemacht hat, ist bis heute ungeklärt. Gefunden wurden sie im Nachlass von Michael Meister, der dem Stadtarchiv München 1999 übergeben wurde. Der promovierte Jurist und Rechtsrat war Autor des Manuskripts „Die Geschichte der Juden in München“, einem antisemitisch geprägten Pamphlet, das er mit den Bildern der Deportation illustrierte. Wahrscheinlich hat er die Fotos aber nicht selbst aufgenommen, sondern von einer der Behörden bekommen, die an den Deportationen in München beteiligt waren.

 

Historische Kontexte rekonstruieren

In akribischer Forschungsarbeit wollen die Historiker*innen am Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München jetzt mehr über die Entstehungsgeschichte der Bilder in Erfahrung bringen. In welcher Beziehung stand Michael Meister zu den Tätern? Zu welchem Zweck wurden die Bilder angefertigt? Eine Vermutung ist, dass die Fotografien den ordnungsgemäßen Ablauf der Deportation darstellen sollten, denn viele Fotos zeigen kleinräumige Bildausschnitte und auffällig geordnete Szenen. Doch weil nur Abzüge und keine Negativstreifen überliefert sind, kann die genaue Abfolge der Serie nicht rekonstruiert werden.

 

Identifizierung von Personen und Orten

Besonderes Augenmerk liegt auf der Analyse der Bildinhalte, vor allem auf der Frage: Welche Personen sind abgebildet? Ein wertvolles Hilfsmittel für die Identifizierung von Personen ist das Biografische Gedenkbuch, in dem Datensätze zu über 5.000 von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdinnen und Juden aus München gespeichert sind, viele davon mit Passfoto aus der Zeit 1938/39. Die automatisierte Suche nach Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Ereignissen oder Beziehungen schränkt den Kreis von Personen ein. Durch den manuellen Abgleich von Fotos, ergänzt durch weitere Recherchen versuchen die Historiker*innen, Namen und Lebensgeschichten der Abgebildeten zu rekonstruieren.

 

Passbild aus dem Biografischen Gedenkbuch (Foto: Stadtarchiv München)
Gepäckkontrolle im Sammellager Milbertshofen wenige Tage vor der Deportation (Foto: Stadtarchiv München)

Wie Personen identifiziert werden können

Die Personen auf den Deportationsbildern werden mit den Fotos der Kennkarten verglichen, um wie hier mögliche Übereinstimmungen zu finden und auf diese Weise Personen zu identifizieren.

 

Weitere Forschungen widmen sich der Frage, wo die Aufnahmen genau entstanden sind. Lassen sich Orte und Blickwinkel exakt lokalisieren? Dazu sichten die Wissenschaftler*innen zum Beispiel historische Pläne, Luftbilder oder Aufnahmen des Sammellagers und suchen nach markanten Details in den Deportationsfotos. Teilweise lassen sich Gebäude oder Gleisanlagen sogar noch heute im Stadtgebiet verorten.

 

Digitaler Bildatlas #LastSeen

Die aufwendige Tiefenerschließung der Fotoserie aus München ist Teil der Initiative #LastSeen. Ihre Ergebnisse fließen in den digitalen Bildatlas ein, der im Rahmen von #LastSeen bis Ende 2022 entwickelt und im Internet veröffentlicht wird. Dabei wird es nicht zuletzt auch darum gehen, kenntlich zu machen, was bisher nicht geklärt, wer nicht identifiziert werden konnte. Denn:

 

»Transparenz ist das Grundprinzip des digitalen Kuratierens. Wir müssen uns der Grenzen der Erschließungsarbeit bewusst sein, unser Vorgehen offenlegen und Unsicherheiten oder Leerstellen sichtbar machen, um uns den realen Geschehnissen anzunähern.« 

Dr. Maximilian Strnad, Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München

 

 

Dr. Maximilian Strnad ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur der Landeshauptstadt München, das Partner bei der Initiative #LastSeen ist. Er wurde mit einer Arbeit über die „Mischehen“ 1933-1949 promoviert. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung mit Fokus auf Deportationen. Derzeit arbeitet er zu kommunaler Erinnerung an die Opfer der NS-Verfolgung mit Schwerunkt digitale Formen des Gedenkens und ihrer Vernetzung.

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