Woran erkenne ich, ob ein Foto eine Deportation zeigt? Welche Geschichten erzählen die Bilder? In den Fotosprechstunden „Bring your photo“ prüft das #LastSeen-Team Fotografien aus der NS-Zeit und gibt Einblicke in die kritische Bildanalyse.

Dachbodenfund 1942“ – die Ebay-Anzeige weckt Alina Bothes Aufmerksamkeit. Verkauft wird eine Sammlung von historischen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1940er Jahren. Könnte ein Deportationsbild dabei sei? Die Historikerin und Projektleiterin von #LastSeen klickt auf den Warenkorb.

Viel Hoffnung hat sie nicht, dass sie fündig wird. Andererseits – man kann nie wissen. Vor gut fünf Jahren fand der Sammler Uwe Jäckel bisher unbekannte Fotos der Rendsburger „Polenaktion“ im ungeordneten Nachlass eines lokalen Fotografen, eine kleine Sensation.

Doch der Ebay-Kauf erfüllt noch einen anderen Zweck: Zusammen mit Kerstin Hofmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin im #LastSeen-Team, will Alina Bothe anhand der Bilder erklären, wie man historische Fotos kritisch analysiert.

 

Wo sind neue Fotos von NS-Deportationen zu vermuten?

Ein wichtiger Teil von #LastSeen ist die Suche nach Fotos von NS-Deportationen. Die meisten Funde hat das Team durch Unterstützung von Archiven zusammengetragen, fast 1.700 wurden bundesweit angeschrieben, viele haben sich beteiligt. Parallel dazu recherchieren die Wissenschaftler*innen systematisch in lokalhistorischen Publikationen, internationalen Archiven, Datenbanken oder Verkaufsplattformen.

Interessierte sind eingeladen, die Initiative zu unterstützen und Bilder in Familienalben oder privaten Nachlässen zu suchen. Doch Deportationsbilder zu erkennen und einzuordnen, ist gar nicht einfach. Hilfestellung gibt die Fotosprechstunde „Bring your photo“, die einmal im Monat online stattfindet. Heute haben sich zwölf Teilnehmer*innen angemeldet, um den „Dachbodenfund“ gemeinsam zu sichten.

 

Bilder formal untersuchen

Der erste Überblick gilt äußerlichen Merkmalen: Fast alle Fotos sind mit dem damals beliebten Büttenrand zugeschnitten, nur zwei haben gerade Kanten, ein Hinweis darauf, dass es sich dabei um spätere Abzüge handelt. Viele Bilder weisen Schimmelspuren und Rostflecken auf, vermutlich wurden sie in einer feuchten Umgebung gelagert, zum Beispiel in einer Metallkiste im Keller oder tatsächlich auf dem Dachboden.

Manche waren offenbar eingeklebt, man sieht noch Klebespuren und Passepartout-Reste auf der Rückseite. Einige sind mit handschriftlichen Notizen versehen – „Nach dem ersten Bombenangriff 1944“. Wieder andere tragen den Stempelaufdruck eines Fotostudios. Für Alina Bothe sind all das erste Anknüpfungspunkte für die örtliche und zeitliche Einordnung der Fotos. Hier ließe sich weiterforschen.

Die Motive sind breit gefächert: Soldaten, einzeln oder in Gruppen vor Gebäuden, im Gelände oder plaudernd im Gras, aber auch Personen in Zivil, Frauen, Kinder im Schnee.

 

Dachbodenfund 1942 (Foto: unbekannt)
Dachbodenfund 1942 (Foto: unbekannt)

Hinweise entschlüsseln

Uniformen und Militärfahrzeuge liefern wichtige Hinweise, wie die Szenen einzuordnen sind. Aufschlussreich ist auch, was nicht zu sehen ist, zum Beispiel Waffen. Vermutlich handelt es sich um Erinnerungsfotos und Bilder von Heimaturlauben der Soldaten.

 

Andere Fotos zeigen Hafenanlagen und Straßenzüge mit teils zerstörten Gebäuden, einen Bombenkrater. Manche Bilder wirken arrangiert, andere flüchtig aufgenommen, enthalten Bewegungsunschärfe, sind vielleicht aus einem fahrenden Fahrzeug aufgenommen.

 

Markante Bauwerke identifizieren

Ein Foto sticht besonders hervor: Es zeigt eine Gruppe junger Leute, hinter ihnen ist ein flaches Schiff zu sehen. Wahrscheinlich sind sie mit dem Fahrrad unterwegs, vier oder fünf Räder lehnen am Geländer. Die Stimmung scheint gelöst, Bewacher in Uniform sind nicht zu erkennen.

 

Dachbodenfund 1942 (Foto: unbekannt)

 

Im Hintergrund fällt eine markante Stahlbrücke mit turmartigen Pfeilern über einem breiten Fluss auf, vielleicht der Rhein? Kerstin Hofmann gibt die Stichworte „Rheinbrücke“, „historisch“ in die Suchmaschine ein. Kein Zweifel, es handelt sich um die alte Rheinbrücke in Bonn-Beuel. Die Aufnahme muss vor 1945 entstanden sein, denn Teile der Brücke wurde am 8. März des Jahres von der Wehrmacht beim Rückzug vor den herannahenden Alliierten gesprengt.

Vergleichsbilder aus der Zeit legen nah, dass dort damals Ausflugsboote verkehrten. Doch das Schiff auf dem Foto wirkt verlassen und die kopfsteingepflasterte Uferstraße ist feucht und menschenleer. Auch der Kleidung der Personen deutet darauf hin, dass die Gruppe möglicherweise einen warmen Herbsttag für eine Fahrradtour genutzt haben könnte.

 

Erste Recherchen starten

Weniger harmlos wirkt ein anderes Foto. Ein Mann in derber Arbeiterhose und klobigen Schuhen steht vor einem hohen Lattenzaun, der mit Stacheldraht bewehrt ist. Am rechten Bildrand ein Uniformierter, der vielleicht gerade die Pforte schließt. Könnte es sich um ein Lager handeln?

 

Dachbodenfund 1942 (Foto: unbekannt)
Dachbodenfund 1942 (Foto: unbekannt)

Tiefer recherchieren

Der Montierung des Stacheldrahts nach zu urteilen, befinden sich beide Personen außerhalb des Geländes. Die selbstbewusste Körperhaltung und die entspannten Gesichtszüge des Arbeiters sprechen dafür, dass es sich nicht um einen Gefangenen handelt. Wurde er für die Reparatur der Zaunanlage engagiert?

 

Auf der Rückseite des Fotos ist ein verblasster Stempelaufdruck zu erkennen: „Photo-Hahne, B246, Leipzig“. Eine Internetrecherche ergibt, dass es zwischen 1939 und 1945 im Raum Leipzig viele Lager für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene gab. Eine Firma „Hoh & Hahne“, die Repro- und Plattenkameras herstellte, unterhielt sogar ein eigenes Zwangsarbeiterlager auf dem Werksgelände. Könnte es sich bei dem Uniformierten um einen Werkspolizisten handeln?

 

»Schon bei der ersten Sichtung der Fotos kommt es darauf an, genau hinzuschauen, auf die Details zu achten, Fragen zu stellen und sich auszutauschen. Nur so gelingt es, die Fotos zu verstehen und zu kontextualisieren – genau das ist es, was wir bei #LastSeen tun.«

Alina Bothe, Projektleiterin #LastSeen

 

Dabei sei auch wichtig deutlich zu machen, „was wir nicht wissen“, um Fehldeutungen zu verhindern und transparent mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Arbeit umzugehen.

 

Sensationsfund oder falsche Zuschreibung?

Wie mit falschen oder irreführenden Zuschreibungen auf Verkaufsplattformen mitunter versucht wird, den Preis für historische Fotos in die Höhe zu treiben, zeigt ein Beispiel aus Stuttgart. Bei einer Fotosprechstunde vor Ort war ein Foto eingereicht worden, das zuvor mit dem Hinweis „Judenabholung aus Feuerbach“ auf Ebay versteigert worden war. Das Stuttgarter Stadtarchiv nahm das Foto zusammen mit dem #LastSeen-Team unter die Lupe und entlarvte den vermeintlichen Sensationsfund als Fake.

Sie haben Fotos aus der NS-Zeit gefunden, die Sie prüfen lassen möchten? Die letzte Online-Fotosprechstunde in diesem Jahr findet am 6. Dezember 2022 um 16 Uhr statt.

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