Dr. Reinhold Brunner: „Opferschicksale in Biographien umwandeln“

Bei der Erschließung von Fotos der NS-Deportationen stützt sich #LastSeen auf die Vorarbeit vieler lokaler Historiker*innen und Archivar*innen. Einer von ihnen ist Reinhold Brunner, langjähriger Leiter des Stadtarchivs Eisenach. Im Interview berichtet er über die Rekonstruktion jüdischen Lebens in der Wartburgstadt.

Herr Brunner, Sie engagieren sich seit mehr als drei Jahrzehnten für die Aufklärung der Schicksale von Jüdinnen und Juden in Eisenach während der NS-Zeit. Als Leiter des Stadtarchivs Eisenach haben Sie sich auch mit einer Serie von Deportationsfotos beschäftigt, die am 9. Mai 1942 entstanden sind. Was ist auf diesen Fotos zu sehen und warum sind diese Bilder so wichtig?

Die Fotos zeigen den Zug der jüdischen Menschen – Männer, Frauen und Kinder -, am 9. Mai 1942 vom „Judenhaus“ in der Goethestraße durch die Straßen von Eisenach bis zum Hauptbahnhof, auf ein ganz normales Gleis, in einen ganz normalen Personenzug. Und man sieht auf den Fotos Eisenacher, die das Geschehen mit Interesse ‒ oder auch mit Desinteresse ‒ verfolgen. Das ist das Bedrückende an diesen Fotos, die vermeintliche Normalität, mit der die Bevölkerung damals die Deportation verfolgte. Für die Menschen war der Holocaust offenbar vollkommen normal.      

 

Vermuteter Fotograf: Theodor Harder, 9.5.1942 (Foto: Stadtarchiv Eisenach)
Vermuteter Fotograf: Theodor Harder, 9.5.1942 (Foto: Stadtarchiv Eisenach)

Die Eisenacher Deportation

In Eisenach dokumentierte vermutlich der von der Stadt beauftragte Fotograf Theodor Harder den Weg der Jüdinnen und Juden durch die Straßen. Am Eingang zum Hauptbahnhof löste sich die Ordnung auf, gewöhnliche Passant*innen und Deportierte
gingen nebeneinander.

 

Schicksale aufklären, Leben rekonstruieren

Was wissen Sie über die Fotos und über die Menschen, die darauf abgebildet sind?

Aus den Deportationslisten, die frei zugänglich sind, kennen wir die Namen aller 58 Personen, die am 9. Mai 1942 aus Eisenach deportiert wurden. Und wir können sie teilweise den Gesichtern auf den Bildern zuordnen. Es ist anzunehmen, dass die Stadtverwaltung selbst den Auftrag zur Anfertigung der Fotos gegeben hat, denn die 18 Bilder umfassende Serie ist unter dem Titel „Exmittierung der Juden“ (Zwangsräumung) Bestandteil einer amtlichen Bildchronik der Stadt Eisenach 1935 bis 1942. Auch in der schriftlichen Stadtchronik gibt es einen Hinweis auf die Deportation.

Sie begleiten auch die Verlegung von Stolpersteinen in Eisenach wissenschaftlich und haben ein Buch dazu herausgegeben, das eine wichtige Quelle für das Projekt #LastSeen ist. Wie viele Schicksale konnten Sie bisher rekonstruieren?

Wir haben bisher 100 Stolpersteine in Eisenach verlegt, die meisten erinnern an jüdische Menschen. Wobei viele von ihnen keine „Ur-Eisenacher“ waren. Jüdische Familien kamen in den Jahren zuvor oft nach Eisenach, um der Verfolgung in noch kleineren Orten zu entgehen. Andererseits flohen Jüdinnen und Juden von hier in die Anonymität der Großstädte und wurden später von dort deportiert. Auch diesen Geschichten sind wir nachgegangen. Dabei versuchen wir nicht nur, die Schicksale der Menschen aufzuklären, sondern ihre Leben zu rekonstruieren.

 

Wie gehen Sie dabei vor?

Wir haben in Unterlagen des früheren Reichssippenamtes die Geburts-, Heirats- und Sterbedaten der jüdischen Bewohner Eisenachs recherchiert. Anhand von Adressbüchern und Dokumenten aus Staats- und Kommunalarchiven konnten wir schrittweise Familienbiographien rekonstruieren. Das Wichtigste für uns hier in Eisenach waren aber die jüdischen Begegnungswochen, die wir 1995, 1999 und 2001 durchgeführt haben und bei denen jeweils 60 bis 80 Überlebende oder deren Nachfahren zu Gast waren. Dabei ist Vertrauen entstanden und viele haben uns persönliche Briefe oder Fotos überlassen. Wir haben mit Zeitzeugen Interviews aufgezeichnet und mit ihnen gemeinsam auf Bilder geschaut.

 

»So werden Opferschicksale in Biographien umgewandelt ‒ darum geht es, das Leben der Menschen, die den Holocaust erlitten haben, greifbar zu machen, ein lebendiges Gedenken zu schaffen, um vor allem junge Leute zu erreichen.«

Dr. Reinhold Brunner, Leiter des Stadtarchivs Eisenach

 

„Geschichte hört nicht auf“

Was treibt Sie an, diese Arbeit zu machen?

Als ich hier 1990 mit der Arbeit begann, musste ich feststellen, dass ich weder in der Schule, noch während meines Studiums in der DDR etwas Wesentliches über die Shoah erfahren hatte. Im Gegenteil, mir wurde klar, wie stark der Holocaust in der DDR instrumentalisiert worden war. Das wollte ich ändern. Im Rückblick sind es vor allem die Begegnungen, der Austausch mit Überlebenden und ihren Nachkommen hier in Eisenach, mit Menschen, die so viel Bitteres erlebt haben, aber mir nie mit Bitterkeit oder Schuldvorwürfen begegnet sind. Ich halte nichts von dem Argument der „Ausschwitzkeule“, wonach den Deutschen der Holocaust zu oft vorgehalten werde. Wir müssen uns diesem Teil der Geschichte stellen, aber nicht mit gesenktem Haupt. Uns Nachgeborene triff keine Schuld, aber wie können diese Geschichte auch nicht entsorgen ‒ Geschichte hört nicht auf.

 

Was erhoffen Sie sich von der Initiative #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen?

Interessant finde ich, dass eine Institution, die ihre Arbeit ursprünglich individuellen Schicksalen gewidmet hat, heute den pädagogischen, erinnerungspolitischen Aspekt stärker in den Mittelpunkt rückt. Das ist wichtig. Hinzu kommt: Erinnern verlegt sich zunehmend in den digitalen Raum – wenn #LastSeen dazu beiträgt, wäre das ein Gewinn.

Dr. Reinhold Brunner, Leiter der Stabstelle Reformationsstadt und Fachbereichsleiter für Bildung, Jugend, Stadtentwicklung und Kultur der Eisenacher Stadtverwaltung, war von 1991 bis 2014 Leiter des Stadtarchivs Eisenach. Darüber hinaus ist er stellvertretender Vorsitzender im Eisenacher Geschichtsverein. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur jüdischen Geschichte, speziell zu jüdischem Leben in der Wartburgstadt.

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