Rolf Fischer ist freiberuflicher Historiker und Autor. Im Auftrag der Stadt Dortmund hat er das Gedenkbuch über die Dortmunder Opfer der Shoah verfasst, das eine wichtige Quelle für #LastSeen ist. Im Interview gibt er einen Einblick in seine Recherchen.

Herr Fischer, das Gedenkbuch listet die Namen von 1965 Dortmunder Jüdinnen und Juden auf, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Darüber hinaus haben Sie hunderte Biografien recherchiert und bis heute etwa 350 Fotos von den Deportationen und den Opfern zusammengetragen. Welches Bild ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Besonders interessant sind zwei Fotos, die erst kurz vor der Veröffentlichung des Gedenkbuchs dem Dortmunder Stadtarchiv übergeben wurden. Sie zeigen die Begleitmannschaft des Deportationszuges, der Ende April 1942 von Dortmund nach Zamość ins besetzte Polen führte. Es sind seltene Gruppenbilder von Tätern: Auf einem Bild ist die Mannschaft am 30. April 1942 vor dem Personenzug auf dem Südbahnhof in Dortmund zu sehen. Das zweite zeigt die Mannschaft nach Ankunft des Zuges Anfang Mai 1942 vor dem Gebäude des Endbahnhofs.

Mit dieser zweiten der insgesamt vier großen Deportation aus Dortmund wurden 796 Jüdinnen und Juden ins Ghetto Zamość transportiert und später ermordet. Die Fotos stammen aus dem Besitz der Familie eines der Polizisten, der der Begleitmannschaft angehörte.

 

Begleitmannschaft des Zamość-Transports vor der Abfahrt am Bahnhof Dortmund-Süd am 30. April 1942 (Quelle: Privatbesitz)

 

 

Begleitmannschaft nach der Ankunft am Endbahnhof Zamość am 3. Mai 1942 (Quelle: Privatbesitz)

 

Internationale und lokale Suche in Archiven

Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen, was waren Ihre wichtigsten Quellen?

Ich habe natürlich ganz klassisch in Archiven geforscht, vor allem im Landesarchiv Münster, aber auch in digitalen Archiven in Israel, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Zudem habe ich ausgiebig in lokalen Zeitungsarchiven recherchiert. Wichtig waren auch Kontakte zu jüdischen Familien, deren Vorfahren einst in Dortmund ansässig waren. Sie haben mir viele Briefe, Dokumente und Fotos überlassen. Aus den Gesprächen entstanden einige enge persönliche Beziehungen. Eine Israelin aus Tel Aviv übergab mir zum Beispiel ein Foto, das ihren Vater zeigt, der in einem Dortmunder Freibad gerade von einem Sprungturm ins Wasser springt. Mir war bekannt, dass es diesen Sprungturm noch heute gibt. Es war ein sehr emotionaler und erfüllender Moment, als die Dame bei einem Besuch vor eben diesem Turm stand und das Foto mit ihrem Vater von 1930 zum Vergleich betrachtete.

 

Was erhoffen Sie sich von der Initiative #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen?

Die Deportationen aus Dortmund sind zwar relativ gut dokumentiert. Aber ich hoffe, dass vielleicht doch noch neue Fotos auftauchen. Auch weil immer mehr Archivbestände digitalisiert werden. Fotos lassen uns das Geschehen besser verstehen und fördern ganz entschieden die Empathie für die Opfer.

Dr. Rolf Fischer ist freiberuflicher Historiker und Autor aus Dortmund. Er erforscht seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten die Geschichte der Verfolgung von Jüdinnen und Juden in Dortmund. 2015 verfasste er im Auftrag der Stadt Dortmund und in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv das Gedenkbuch „Verfolgung und Vernichtung. Die Dortmunder Opfer der Shoah“. Zudem arbeitete er als freier Mitarbeiter für die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund.

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