Frank Reuter: „Gewalt verschwindet nicht, indem man sie nicht zeigt“

Dr. Frank Reuter ist wissenschaftlicher Geschäftsführer der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg. Seine Publikationen zu Fotos der NS-Deportationen von Sinti*zze und Rom*nja sind eine wichtige Grundlage für die Erschließung der Bilder im Projekt #LastSeen. Am Beispiel einer Fotoserie aus Asperg gibt er Einblicke in die Herausforderungen im Umgang mit diesen gewaltvollen Bildern.

Herr Reuter, Sie haben sich intensiv mit den Bildern der NS-Deportationen von als Rom*nja und Sinti*zze verfolgten Menschen befasst. Am weitesten verbreitet ist bisher vermutlich die Bilderserie, die im Mai 1940 in Asperg, nahe Ludwigsburg, aufgenommen wurde. Was ist über diese Fotografien und ihren historischen Kontext bekannt?

Die Bilderserie aus Asperg besteht aus Farbdias und dokumentiert aus Tätersicht die erste Deportation von Sinti*zze und Rom*nja aus Südwestdeutschland in das sogenannte Generalgouvernement im besetzten Polen im Mai 1940. Weitere geografische Schwerpunkte waren Köln bzw. das Rheinland und Hamburg. Diese erste Deportationswelle ganzer Familien aus dem Deutschen Reich war gewissermaßen der „Auftakt” zum Völkermord. Etwa 2340 Menschen waren davon insgesamt betroffen, 490 Personen wurden aus Asperg verschleppt.

Die Bilder entstanden zwischen dem 16. Mai 1940, an dem die Menschen an ihren Wohnorten verhaftet und in ein Sammellager in der Festung Hohenasperg gebracht wurden, und dem 22. Mai 1940, an dem sie vom Bahnhof in Asperg ins besetzte Polen deportiert wurden.

Auf dem bekanntesten Bild, das in Ausstellungen immer wieder gezeigt wird, sehen wir den Weg der Menschen durch die Stadt zum Bahnhof am 22. Mai. Das Bild entspricht einer Ikonographie der Deportationsbilder, die wir auch von Bildern der Deportationen von Jüdinnen und Juden kennen: Menschen, mit Koffern, die am helllichten Tag unter Bewachung zum Bahnhof geführt werden. Auch der Dreiklang bzw. das Schema „Täter, Opfer, Zuschauer“ ist deutlich erkennbar.

 

Die Aufnahme ist während der Deportation von Sinti*zze und Rom*nja aus Asperg am 22. Mai 1940 entstanden. Sie zeigt den erzwungenen Weg der Menschen durch die Stadt zum Bahnhof. Im Hintergrund ist die Festung Hohenasperg zu sehen, in der sie zuvor festgehalten worden waren. Am Bürgersteig auf der rechten Seite des Bildes sind Zuschauer*innen abgebildet (Foto: Bundesarchiv, BArch R 165 Bild-244-42).

 

Wer hat die Bilder aufgenommen?

Wir gehen davon aus, dass beteiligte Polizisten die Fotos gemacht haben, es sich also um die Sicht der Täter handelt. Die Bilder sind eine Inszenierung des Ausschlusses. Wir sehen auf ihnen das Ergebnis eines Prozesses der Entrechtung und Entmenschlichung, der schon jahrelang angedauert hat. Der Höhepunkt dieses Ausschlusses ist die Deportation, und diese wird fotografisch inszeniert.

Das Bild spiegelt also nicht nur etwas wider, sondern ist ein aktiver Bestandteil des Exklusionsprozesses. Es ist ganz wichtig, dass wir diesen Aspekt erkennen. Die Bilder hatten eine Funktion für diejenigen, die sie gemacht haben, und das in ihnen enthaltene Blickregime hat auch eine Wirkung auf die, die sie heute betrachten. Die Bilder zeigen die Betroffenen als Objekte einer staatlichen Verfolgungsmaßnahme.

 

Was auf den Bildern nicht zu sehen ist

Es gibt zu dieser Deportation auch einen präzisen Polizeibericht der Kriminalpolizeistelle Darmstadt, der das ganze bürokratische Verfahren abbildet und einen Einblick in die akribische Planung und die langfristige Vorbereitung gibt, die auf den Bildern unsichtbar ist.

Ebenso wenig zeigen die Bilder, dass die Menschen, die deportiert werden, einmal in den sozialen Kontext und das gesellschaftliche Leben eingebunden waren. Sie sind ihren täglichen Geschäften genauso nachgegangen, wie die Zuschauer*innen auf dem Bild. Ihre Rollen, wie sie auf den Fotos erkennbar sind, sind also nicht von vornherein festgeschrieben gewesen, sondern Resultat eines ideologisch motivierten Ausgrenzungs- und Entrechtungsprozesses.

 

Wie können wir mit den Leerstellen – also mit dem, was auf den Bildern nicht zu sehen ist – umgehen?

Die kuratorische Aufgabe liegt zunächst darin, die Bilder zu kontextualisieren und die Voraussetzungen für ihre Entstehung quellenkritisch sichtbar zu machen. Außerdem können wir in die Details der Bilder gehen und genau darauf achten, was man auf den ersten Blick nicht sieht: Da sehen wir ein Kind mit einem großen Koffer. Wir sehen Familien, die eng beieinanderstehen und so einen Schutzraum füreinander bilden. Da sehen wir einen Mann mit Hut, Anzug und Fliege oder Krawatte. Warum trägt er eine Krawatte, wenn er deportiert wird? Das ist eine Frage, die wir uns stellen könnten. Dazu kann ich dann Zeitzeugenberichte lesen, aus denen hervorgeht, dass die Menschen kaum Zeit hatten, ihre Sachen zu packen und nur ganz wenig Gepäck mitnehmen durften. Also haben sie hastig die besten Dinge, die sie hatten, in den Koffer geworfen oder angezogen.

 

Von ihrer Verhaftung am 16. Mai 1940 bis zur Deportation am 22. Mai 1940 wurden die Menschen in einem Sammellager in der Festung Hohenasperg inhaftiert. Dieses Foto ist vermutlich im Hof der Festungsanlage aufgenommen worden. Von der Deportation waren ganze Familien betroffen (Foto: Bundesarchiv, BArch R 165 Bild-244-48).

 

Auf einem weiteren Bild sehen wir eine Gruppe erschöpfter Menschen, die zum Teil am Boden sitzen. Und ihnen gegenüber steht eine alte Frau mit Stock, die offenbar in Asperg gewohnt hat. Diese Menschen begegnen einander in diesem Moment, die Frau sieht die Menschen an. Was bedeutet diese Begegnung? Was passiert in diesem Moment an sozialer Interaktion? Wenn diese Details, die wir mit Blick auf das Gesamtbild oft erst einmal gar nicht wahrnehmen, sichtbar gemacht werden, ergeben sich existenzielle Fragen: Was ist Täterschaft? Was ist passives Zuschauen? Was haben die Menschen empfunden, die von der Verfolgung betroffen waren, was haben die Beobachtenden oder die Bewacher gedacht und gefühlt? Wie stehen diese Gruppen in Beziehung?

 

Der Bildausschnitt zeigt von der Deportation betroffene Menschen, die auf der Straße beisammenstehen bzw. -sitzen und dabei von drei bewaffneten Polizisten bewacht werden. Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus blickt eine Person mit Gehstock – vermutlich eine ältere Frau, die in Asperg gelebt hat – auf das Geschehen (Foto: Bundesarchiv, BArch R 165 Bild-244-43 (Ausschnitt)).
Am 16. Mai 1940 mussten die Menschen, die zuvor an ihren Wohnorten verhaftet worden waren, vom Bahnhof Asperg durch die Stadt zum Sammellager in der Festung Hohenasperg gehen (Foto: Bundesarchiv, BArch R 165 Bild-244-43).

Deportation aus Asperg

Am 22. Mai 1940 deportierten die Nationalsozialisten Sinti*zze und Rom*nja aus Asperg in das besetzte Polen. Sechs Tage zuvor entstanden die Bilder, die den Weg der verhafteten Menschen vom Bahnhof ins Sammellager Hohenasperg zeigen. 

 

Warum es wichtig ist, solche Bildquellen zu verwenden

Sehen Sie auch eine Gefahr darin, Bilder aus der Täterperspektive als Quellen zu verwenden oder in der Öffentlichkeit zu zeigen?

Es ist bitter notwendig, dass wir solche Bildquellen verwenden, um die Verbrechen zu rekonstruieren. Es ist wichtig zu zeigen, dass diese Verbrechen stattgefunden haben. Gewalt verschwindet nicht, indem man sie nicht zeigt. Es gibt bis heute Menschen, die den Völkermord und seine Dimension leugnen.

Wir können auf Bildern auch immer wieder Täterschaft identifizieren. Ich konnte zum Beispiel durch die Auswertung von Fotografien aus dem besetzten Serbien nachweisen, dass Mitglieder des nationalsozialistischen „Kraftfahrkorps“ im August 1941 an einer Verhaftungsaktion von Roma beteiligt waren. Es gibt kein einziges Schriftdokument, das diese Täterschaft belegt. Fotografien sind immer auch wichtige Beweismittel vor Gericht gewesen. Bilder können bezeugen, wie barbarisch und entsetzlich die Verbrechen waren und wer sie begangen hat.

Zugleich aber reproduzieren solche Bilder die Entsubjektivierung der von den Verbrechen betroffenen Menschen. Wir müssen Wege finden, mit dieser Ambivalenz umzugehen. Wenn wir auf die Bilder der Deportation aus Asperg zurückkommen, können wir unsere Aufmerksamkeit auf einzelne Ausschnitte, auf die Menschen als Individuen fokussieren, um die Vorstellung eines anonymen Opferkollektivs zu durchbrechen. Gerade mit digitalen Möglichkeiten lässt sich solch ein Fokus gut herstellen.

»Es geht darum, die Bilder nicht bloß zu zeigen, sondern sie verantwortungsvoll und sorgfältig kuratiert zu zeigen. Wir müssen uns bestimmten schrecklichen Wirklichkeiten stellen. Und wir müssen das so tun, dass wir die Opfer nicht erneut beschädigen oder entwürdigen. Dafür Wege zu finden, das ist unsere Aufgabe.«

Dr. Frank Reuter, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg

Gleichzeitig gibt es auch die Ansicht, dass gerade bei der Veröffentlichung der Bilder im digitalen Raum große Vorsicht geboten ist.

Hinsichtlich der kritischen Rezeption von antiziganistischen Bildern sehe ich noch viel Aufklärungsbedarf. Gleichzeitig wurde in Bezug auf den Nationalsozialismus über die Jahrzehnte eine Gedenkkultur und eine gewisse Medienkompetenz entwickelt: auch durch die wichtige Arbeit von Historiker*innen und Institutionen wie dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, für das André Raatzsch beispielsweise einen Schwerpunkt zum Thema Bilderpolitik entwickelt hat. Die Fähigkeit, mit Täterdokumenten adäquat umzugehen, ist gewachsen. Darauf können wir vielleicht ein Stück weit vertrauen.

Wir betrachten diese Bilder heute im Bewusstsein der schrecklichen Dimension dieses Verbrechens. Und wir können auch die dahinterliegenden Strategien der Entpersönlichung in diesen stigmatisierenden Bildern durchschauen, sie mit Empathie für die dargestellten Menschen betrachten.

Selbstverständlich aber sollten wir die Bilder nicht einfach ohne Kontext ins Netz stellen. Es geht darum, die Bilder nicht bloß zu zeigen, sondern sie verantwortungsvoll und sorgfältig kuratiert zu zeigen. Wir müssen uns bestimmten schrecklichen Wirklichkeiten stellen. Und wir müssen das so tun, dass wir die Opfer nicht erneut beschädigen oder entwürdigen. Dafür Wege zu finden, das ist unsere Aufgabe.

 

Dr. Frank Reuter ist wissenschaftlicher Geschäftsführer der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg. Als Historiker am Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma hat er zuvor unter anderem Ausstellungen kuratiert. Er hat zahlreiche Forschungsarbeiten zur NS-Verfolgung der Sinti*zze und Rom*nja sowie die Studie „Der Bann des Fremden. Die fotografische Konstruktion des ‚Zigeuners‘“ (Wallstein Verlag, 2014) veröffentlicht.

Für #LastSeen hat Katharina Menschick mit ihm gesprochen.

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