Interview: Warum Transportlisten eine wichtige Quelle für die Forschung zu NS-Deportationen sind

Von 1941 bis 1945 wurden rund 50.000 Jüdinnen und Juden aus Berlin deportiert – bis heute ist kein einziges Foto dieser Transporte bekannt. Erhalten sind aber Durchschläge der Transportlisten. Akim Jah, Historiker bei den Arolsen Archives, erläutert, welche Erkenntnisse diese Listen liefern.

Was sind Transportlisten und wofür wurden sie genutzt?

In Transportlisten wurden die Namen der Deportierten und deren letzte Wohnadresse verzeichnet. Die Gestapo nutzte sie zur logistischen Vorbereitung der Transporte. Durchschriften wurden an die Finanzbehörden weitergleitet und dienten dort als Grundlage für die Enteignung der Deportierten. Ihr Vermögen wurde in einem scheinlegalen Rechtsakt vom Staat eingezogen, detailliert erfasst und „verwertet“.

Die Listen zeigen das Ausmaß der Verschleppung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Berlins. Durch eine Auswertung der Listen lässt sich dabei auch nachvollziehen, wann und wie die Bewohner*innen einzelner Häuser deportiert wurden. Außerdem geben sie Auskunft darüber, wann bestimmte Einrichtungen der jüdischen Fürsorge, von denen es viele gab, zwangsweise geschlossen wurden – ein Prozess, der sich manchmal über Jahre hinzog.

 

Was erzählen die Transportlisten nicht?

Da die Transportlisten nur die letzten Wohnadressen aufführen, lassen sich die Zugezogenen nicht identifizieren – zum Beispiel Jüdinnen und Juden, die wegen des Antisemitismus aus ländlichen Gegenden in die anonymere Großstadt geflüchtet oder auf Anordnung der Gestapo aus einer Region vertrieben worden waren, etwa aus Ostfriesland. Auch Umzüge von Verfolgten innerhalb der Stadt lassen sich aus den Transportlisten nicht herauslesen.

 

»Transportlisten bilden eine zentrale Quelle für die Rekonstruktion der Transporte und damit für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Oft sind sie die letzten aktenkundlichen Spuren der Deportierten vor ihrer Ermordung.«

Akim Jah, Arolsen Archives

 

Welche Phasen der Deportation lassen sich aus den Listen rekonstruieren?

Die Gestapo begann am 18. Oktober 1941 damit, Juden und Jüdinnen aus Berlin und anderen Großstädten „in den Osten“ zu deportieren. Zunächst wurden die Transporte als Wohnungsräumaktion getarnt. In den ersten Monaten der Deportationen zielten diese primär darauf ab, die jüdische Bevölkerung aus der deutschen Öffentlichkeit zu entfernen. Zwar wurden Insassen einzelner Transporte am Zielort umgebracht, die Tötungen erfolgten aber noch nicht systematisch.

 

Systematische Ermordung der Deportierten ab Mai 1942

Ab wann änderte sich das?

Im Dezember 1941 traf das NS-Regime die Entscheidung, die gesamte jüdische Bevölkerung Europas zu ermorden. Bei der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 stimmten hochrangige NS-Vertreter dieses Deportations- und Mordprogramm ab. Ab Mai 1942 wurden die Deportierten dann, von wenigen Ausnahmen abgesehen, direkt am Zielort getötet. Von November 1942 an gingen sämtliche „Osttransporte“ aus Berlin in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

 

Gab es eine weitere Zäsur?

Im Herbst 1942 übernahm Alois Brunner, ein Vertrauter von Adolf Eichmann, kurzfristig das Kommando über die Deportationen aus Berlin. Während Brunners Aufenthalt führte die Gestapo regelrechte Straßenrazzien durch. Juden und Jüdinnen wurden nicht mehr nur aus ihren Wohnungen abgeholt, sondern wahllos aufgegriffen, Straße für Straße, und zum Sammellager gebracht.

 

Das Sammellager in der Großen Hamburger Straße mit Eingangsportal, 1945, unmittelbar nach der Befreiung. Über das ehemalige jüdische Altenheim wurden rund 22.000 Personen verschleppt. Aufnahme von Gary Phillips, der selbst als Häftling in der Großen Hamburger Straße inhaftiert war. (Foto: privat)

 

Was geschah während der „Fabrikaktion“ 1943?

Ende Februar 1943 organisierte die Gestapo reichsweit die Deportation von Juden und Jüdinnen, die noch Zwangsarbeit in kriegswichtigen Betrieben leisteten – die Razzia wurde später als „Fabrikaktion“ bekannt. In diesem Rahmen verschleppte die Gestapo allein in Berlin über 6.000 Menschen in improvisierte Sammellager, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurden. Anhand der Transportlisten lässt sich ihre Registrierung in den Lagern genau nachvollziehen.

 

Wie sieht eine Transportliste genau aus?

Die Listen umfassen in der Regel neben den Namen und Adressen, das Geburtsdatum, das Alter und oft auch den Beruf und Familienstand sowie die Kennkartennummer. Meistens wurde für die Listen ein Vordruck verwendet und fast immer bestehen sie aus mehreren Seiten. Die Transportliste des 20. Osttransports, der am 26. September 1942 von Berlin nach Raasiku im deutsch besetzten Estland ging, umfasst zum Beispiel 43 Seiten und listet 812 Personen auf.

 

Transportliste vom 26. September 1942. Versandt wurde das Dokument an die Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg. Das Original verblieb mutmaßlich bei der Gestapo und wurde wahrscheinlich bei Kriegsende zerstört, der Durchschlag befindet sich heute in den Arolsen Archives.
Transportliste vom 26. September 1942. Helga Verleger ist unter der laufenden Nummer 478 unter ihrem Mädchennamen Drechsler (richtig: Drexler) aufgeführt. Darüber befindet sich ihr Vater.

Transportlisten der NS-Deportationen

Name, Adresse, Geburtsdatum, Alter, oft auch Beruf und Familienstand wurden auf den Listen festgehalten. Die Listen waren oft sehr lang und Namen wurden zum Teil falsch geschrieben, was die Recherche nach Personen schwieriger macht.

Wissen wir von Menschen, die den Transport überlebt haben?

Eine der wenigen Überlebenden des Berliner Transports war die damals 17-jährige Helga Verleger, geborene Drexler. Sie und ihr Vater Bruno Drexler wurden am 24. September 1942 von der Gestapo aus ihrer Wohnung abgeholt und mit der Straßenbahn in die zum Sammellager umfunktioniere Synagoge in der Levetzowstraße gebracht.

 

»In der Synagoge hatte man die Bestuhlung rausgenommen und dort lagerten […] schon viele jüdische Familien, die ebenfalls verhaftet worden waren. […] Der Zug fuhr dann am 26.9.42 mittags los […] und kam im Morgengrauen in Raziku [sic] an, d.h. er stand plötzlich und wir konnten das Schild RAZIKU lesen. Ich wußte gar nicht, in welchem Land das ist. […] Die Türen wurden aufgemacht und wir mußten aussteigen.«

Helga Verleger (geb. Drexler), Auszug aus ihrer Aussage v. 19.2.1968 im sogenannten Bovensiepen-Verfahren gegen ehemalige Mitarbeiter der Berliner Gestapo (B Rep. 058, Nr. 416, Landesarchiv Berlin)

 

Helga Verleger kam von Raasiku über mehrere Lager in das KZ Stutthof. Im Januar 1945 wurde sie aus dem damaligen Bromberg, wo sie Zwangsarbeit für die Reichsbahn leisten musste, wegen der herannahenden Roten Armee nach Westen verschleppt. Dabei gelang ihr die Flucht. Die meisten Deportierten aus dem Transport nach Raasiku wurden aber bereits nach der Ankunft des Zuges von Angehörigen der Sicherheitspolizei selektiert und auf einem Dünengelände bei Kalevi-Liiva von estnischen Polizisten erschossen, darunter auch die Mutter von Helga Verleger. Ihr Vater wurde später in Tartu ermordet.

 

Das Mahnmal Levetzowstraße. Hier stand die zum Sammellager umfunktionierte Synagoge (Foto: Sie waren Nachbarn)

Wie sind die Transportlisten in die Arolsen Archives gelangt?

Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete das American Jewish Joint Distribution Committee, eine US-amerikanische Hilfsorganisation, in Berlin ein Büro, um die Überlebenden bei der Suche von Angehörigen zu unterstützen und den Verbleib der Deportierten zu klären. Die Organisation wertete die Transportlisten systematisch aus und erstellte eine Kartei mit Namen, die sich heute im Archiv von Yad Vashem befindet. Eine Kopie ist in den Arolsen Archives überliefert. Die ursprünglich an die Finanzbehörden übermittelten Durchschläge der Transportlisten selbst wurden 1953 dem International Tracing Service, den heutigen Arolsen Archives, übergeben, wo sie bis heute als Hilfsmittel für die Recherche verwendet werden.

 

 

Dr. Akim Jah ist seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Forschung und Bildung der Arolsen Archives. Er ist dort in der Forschung zur NS- Verfolgungsgeschichte und der Entwicklung und Umsetzung von historischen Bildungskonzepten tätig. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a.:

  • Die Deportation der Juden aus Berlin. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und das Sammellager Große Hamburger Straße, Berlin 2013.
  • Die Deportation der Juden aus Deutschland und ihre verdrängte Geschichte nach 1945 (=ITS Fundstücke 4), Göttingen 2016 (gemeinsam mit Gerd Kühling).
  • „Ihre Grabstätten befinden sich nicht im hiesigen Bezirk.“ Quellen zur Deportation der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. Materialien für den Unterricht und die außerschulische Bildung. Berlin/Leipzig 2018 (gemeinsam mit Marcus Gryglewski) Kostenlos abrufbar unter: https://arolsen-archives.org/content/uploads/online-it-quellenstudium-komplett-4-3-19.pdf
  • Strukturelemente – Forschungsfragen – Quellen. Die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Berlin 1941 bis 1945. In: Michael Wildt/Anja Siegemund: Gedächtnis aus den Quellen. Zur jüdischen Geschichte Berlins. Hermann Simon zu Ehren, Berlin und Leipzig 2020.

Was bisher über die Deportationen aus Berlin bekannt ist, beleuchtet Akim Jah am Beispiel des ehemaligen Sammellagers Gerlachstraße in seinem Vortrag am 17. März um 16.30 Uhr.

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