„Wir wollten einen historischen Bezug, aber kein Reenactment“

Der Berliner Designer Jens-Ole Kracht (brandscope) war der Ideengeber für den #LastSeen-LKW und hat die Ausstellung zu Bildern der NS-Deportationen auf den Weg gebracht. Im Interview berichtet er, wie aus einer Handzeichnung in kürzester Zeit ein außergewöhnliches Ausstellungsmobil wurde.

 

Herr Kracht, wie sind Sie darauf gekommen, die Ausstellung #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen auf die Ladefläche eines LKWs zu bauen?

Wir haben nach einer Form gesucht, die publikumswirksam ist und gleichzeitig einen historischen Bezug herstellt. Unsere erste Idee war ein Flashmob, die haben wir aber schnell verworfen; wir wollten kein Reenactment, keine Inszenierung von Geschichte, das schien uns unangemessen.

»Hier in Berlin-Kreuzberg gibt es einen Kohlenhändler, der mit einem alten Laster aus den 1950er Jahren durch die Straßen fährt. Der macht wahnsinnig Lärm. Was passiert? Die Menschen drehen sich um, sind neugierig, machen Fotos ‒ so kam ich auf die Idee mit dem historischen LKW.«

Jens-Ole Kracht, brandscope

 

Das erste Leben des historischen LKWs

Meine erste Aufgabe war es, eine Machbarkeitsstudie anzufertigen. Bei der Recherche stellte sich heraus, dass der Opel Blitz, ein leichteres LKW-Modell, zur Standardausrüstung der Wehrmacht gehörte. Er war 10.000fach im Zweiten Weltkrieg im Einsatz. Die Nationalsozialisten nutzten solche LKWs aber auch für Deportationen. Mit Unterstützung des Oldtimer-Museums PS-Speicher in Einbeck fanden wir im Internet schließlich einen Mercedes L312 aus den frühen 1950er Jahren – baugleich zu Modellen aus der NS-Zeit, aber nicht original.

 

Wofür wurde der LKW in seinem ersten Leben genutzt?

Als wir ihn kauften, war der LKW in beinahe schrottreifem Zustand, wahrscheinlich wurde er lange als Baufahrzeug genutzt, für den Transport von Sandsteinen, Schutt und Ziegeln. Wir haben ihn TÜV-gerecht wiederherstellen lassen.

 

Wie sind Sie an die Konzeption der Ausstellung herangegangen?

Die Arolsen Archives haben in den letzten Jahren mit #StolenMemory viel Erfahrung mit Wanderausstellungen im öffentlichen Raum gesammelt. Daher war klar: Die Ausstellung muss stabil sein, robust gegen Vandalismus, sicher für die Besucher*innen und leicht auf- und abzubauen, auch für Laien. Der LKW sollte auch unbewacht stehen können und ohne Strom funktionieren. Außerdem mussten wir die Corona-Situation mit bedenken. Deshalb sollte es eine rein grafische Ausstellung werden, auf Tafeln, ohne Exponate oder Filme.

 

Erste Zeichnung des #LastSeen-LKWs (Jens-Ole Kracht, brandscope)

 

Welches Detail hat Ihnen beim Design am meisten Kopfzerbrechen bereitet?

Wir haben sehr lange über die Farbe des LKWs diskutiert. Der Lastwagen sollte zwar an die NS-Zeit erinnern, aber nicht militärisch wirken und auch kein Original vorspielen. Also haben wir eine taubengraue Farbe gewählt, die an die NS-Zeit erinnert, aber auch im Corporate Design der Arolsen Archives verankert ist. Das schien uns ein guter Kompromiss.

 

Der #LastSeen-LKW im Einsatz (Foto: Jens-Ole Kracht, brandscope)
Der #LastSeen-LKW von außen (Foto: Jens-Ole Kracht, brandscope)

Erster Aufbau des LKWs

Im Januar 2022 wurde der LKW erstmals in München aufgebaut. Zum Start der Initiative #LastSeen war die Ausstellung am Marienplatz zu sehen. Im Innenraum des historischen Fahrzeugs befindet sich die Ausstellung. Zugang erhält man durch Treppen, die ein -und ausgeklappt werden können.

 

Welche Hürden gab es beim Aufbau der Ausstellung?

Der Knackpunkt waren die Treppen, die in die Ausstellung auf der Ladefläche führen. Die sollten eigentlich aus Aluminium gefertigt werden, damit sie für den Transport leicht im LKW verstaut werden können. Doch durch die coronabedingte Materialknappheit mussten wir auf Stahl umschwenken. Die Lösung ist zwar stabiler, aber enorm schwer ‒ jede Treppe wiegt über 150 Kilo. Wir mussten uns eine Konstruktion einfallen lassen, damit die Treppen mit einem Seilzug einfach und sicher per Winde eingeklappt werden können.

 

In die Ausstellung im Innenraum des LKWs gelangt man durch ausklappbare Treppen (Foto: Jens-Ole Kracht, brandscope).

 

Wann hatten Sie in dieser Zeit die meisten schlaflosen Nächte?

Auf den letzten Metern! Vier Tage vor der Eröffnung hatten wir noch eine Mängelliste mit etlichen Positionen. Und das waren keine Kleinigkeiten. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass die Winden an den Treppen zwar funktionierten, aber keinen Sperrmechanismus hatten – bei falscher Handhabung wären die Treppen wie ein Schafott heruntergerauscht.

 

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Als Segler habe ich mich daran erinnert, dass früher schwere Mastenkräne in Yachthäfen auch per Hand hoch- und runtergekurbelt wurden ‒ das Prinzip haben wir uns angeschaut und adaptiert. In einer Wochenendaktion haben wir dann neue Kurbeln mit Schneckengewinden besorgt, die automatisch arretieren.

Bei der Lichtanlage, die auch nicht richtig funktionierte, mussten wir allerdings noch am Tag der Eröffnung improvisieren: Auf der Fahrt durch München wurde der LKW von zwei PKWs eskortiert, die vor und hinter dem LKW fuhren und das Blinken übernahmen.

 

Die #LastSeen-Ausstellung war in München an drei Standorten zu sehen. Der historische LKW fuhr die kurzen Strecken selbst (Foto: Jens-Ole Kracht, brandscope).

 

Auf welches Detail sind Sie heute am meisten stolz?

Auf die beiden Figurengruppen, die auf der Ladefläche und vor dem LKW stehen. Das war eine fast bildhauerische Arbeit. Wir haben die Umrisse einem realen Deportationsbild entnommen. Die Silhouetten mussten aber bearbeitet werden, sodass die Figuren auf eine eindrucksvolle und zugleich würdige Weise dargestellt werden. Daran habe ich lange und intensiv gefeilt – auf die Wirkung bin ich schon ein bisschen stolz.

 

Der geöffnete #LastSeen-LKW (Foto: Jens-Ole Kracht, brandscope)

 

Wie lange dauerte es von der Idee bis zum fahrtüchtigen #LastSeen-LKW?

Vom Kauf des LKWs Ende Oktober 2021 bis zur Eröffnung in München am 20. Januar 2022 sind weniger als zweieinhalb Monate vergangen – das ist rekordverdächtig! Vergleichbares habe ich in über 25 Jahren Projekterfahrung noch nie erlebt. Schon die Ausschreibung für den Ausbau war sensationell: Es gab nur eine Handzeichnung von mir, einen kurzen Text und ein paar Bilder – daraufhin haben drei Unternehmen ein verbindliches Angebot abgegeben.

 

Und im Rückblick: Was war die größte Herausforderung?

Der Zeitdruck war enorm, weil der Eröffnungstermin bereits feststand – das war wahrscheinlich die größte Herausforderung. Es gab so viele Unwägbarkeiten, der LKW musste von Grund auf repariert werden und dabei konnte jederzeit etwas schiefgehen. Beeindruckend fand ich, wie unglaublich engagiert alle Beteiligten waren: Vom Bremer Bühnenhaus, das die Aufbauten gefertigt hat, über den LKW-Fahrer, einen Oldtimer-Liebhaber aus München, bis hin zu Sicherheitsdienst und Polizei auf dem Marienplatz, die sehr interessiert waren und uns unterstützt haben. Alle wollten unbedingt, dass diese Eröffnung gelingt.

 

»Ich wünsche #LastSeen viel Aufmerksamkeit. Die Ausstellung erinnert daran, dass Deportationen in aller Öffentlichkeit stattgefunden haben, dass es diese Vergangenheit gegeben hat und man sie nicht vergessen darf. Ich wünsche mir, dass die Ausstellung einen Effekt hat.«

Jens-Ole Kracht, brandscope

 

Aktiv gegen Rechtsextremismus 

Was war für Sie das Besondere an diesem Auftrag?

Die gesellschaftliche Relevanz. Ich sehe gesellschaftliche Veränderung, die ich als bedrohlich empfinde: rechte Tendenzen, der Erfolg der AfD, ein Irrationalismus, der sich ausbreitet. Auch bei der Eröffnung sind wir von Querdenker*innen angesprochen worden, die sich als Diktatur-Opfer darstellten. Bei diesem Projekt hatte ich die Möglichkeit, eine Ausstellung mitzugestalten, die diesen unheilvollen Tendenzen etwas entgegensetzt.

 

Jens-Ole Kracht ist Diplom-Designer (brandscope) und hat mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Inszenierung von Marken im Raum. Er lebt und arbeitet in Berlin. Dass er passionierter Segler ist, hat ihm bei der Umsetzung des #LastSeen-LKWs an entscheidender Stelle geholfen.

#lastseen Logo
jetzt mitmachen!