Am 1. Oktober 2021 startete die Initiative #LastSeen der Arolsen Archives und Partner. Projektleiterin Alina Bothe gibt einen ersten Einblick in die laufende Arbeit: Welche Meilensteine hat das Team bisher erreicht und wie geht es in den nächsten Monaten weiter?

Frau Bothe, skizzieren Sie bitte noch einmal, worum es bei #LastSeen geht.

Unser Ziel ist es, alle bekannten Bilder der NS-Deportationen aus dem Reichsgebiet zu erfassen, neue Fotos zu finden und die Bilder zu entschlüsseln. Die Fotos werden wir dann – mit möglichst vielen Kontextinformation versehen – in einem digitalen Bildatlas zugänglich machen.

 

Der Bildatlas liefert viele Informationen über die abgebildeten Personen und Objekte sowie verschiedene Bildansichten und Kontextinformationen (Mockup, Quelle: &why).

Parallel dazu entwickeln wir eine digitale Lernanwendung, ein interaktives Bildungstool. Das ganze Projekt wird von einer intensiven Öffentlichkeitskampagne begleitet.

 

Welche Arbeiten standen bisher im Mittelpunkt und was haben Sie erreicht?

Anfangs lag der Fokus darauf, ganz systematisch zu schauen, welche Bilder aus welchen Orten bisher bekannt sind. Wir sind auf bundesweit fast 1.700 Archive zugegangen und haben Kontakt zu Historiker*innen aufgenommen, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen. Daneben haben wir selbst recherchiert, in Archiven, Publikation und auf Online-Plattformen wie Ebay.

 

»Stand heute kennen wir rund 550 Bilder aus nahezu 60 Orten. Das ist viel mehr, als ich persönlich erwartet habe. Als wir mit der Forschung begonnen haben, wussten wir von Bildern aus 27 Orten.« 

Dr. Alina Bothe, Projektleiterin #LastSeen

 

Innovatives digitales Bildungstool für junge Menschen

Was ist das Bildungstool und wie geht das Team bei der Entwicklung vor?

Zusammen mit der Agentur &why entwickeln wir eine digitale Lernanwendung für junge Menschen ab 16. Die Spieler*innen schlüpfen in die Rolle eines oder einer investigativen Journalist*in, der oder die auf einem virtuellen Dachboden Deportationsfotos findet. In diesem Raum sind weitere Hinweise versteckt – Informationen, Dokumente, Fotos ‒, die den Spieler*innen helfen, die Bilder zu entschlüsseln: Wer ist abgebildet? Was ist in dieser Situation passiert? Was ist aus den Menschen geworden? Es geht darum, genau hinzuschauen und die Bilder lesen zu lernen. Eine erste Raumansicht von dem Dachboden, den die Agentur gestaltet hat, gibt es bereits.

 

 

Wir haben zunächst Bildserien von Deportationen ausgewählt, daraus sind Spielszenarien entstanden, die erst einmal als Brettspiel getestet wurden. Bei der Spielentwicklung beziehen wir übrigens Schülerinnen und Schüler aktiv ein.

 

Partizipative Angebote von #LastSeen

Partizipation ist ein wichtiges Anliegen der Initiative. Wie können Interessierte mitmachen und wie hoch ist die Beteiligung?

Wir rufen Interessierte dazu auf, sich an der Suche nach Fotos oder auch bei der Identifizierung von Personen und Orten zu beteiligen, Expert*innen genauso wie Laien. Um auf die Initiative aufmerksam zu machen und Freiwillige vor Ort zu gewinnen, gibt es eine Ausstellung zu Deportationsfotografien auf der Ladefläche eines historischen LKWs, die an vielen Standorten in Deutschland zu sehen ist.

In den Ausstellungsorten und einmal pro Monat im Web organisieren wir Veranstaltung unter dem Motto „Bring your photo“. Wer Fotos gefunden hat, zum Beispiel im Familienalbum, auf dem Flohmarkt oder auf dem Dachboden, kann sie hier prüfen lassen. Auch über unsere Website lastseen.org und über die Social-Media-Kanäle der Arolsen Archives bitten wir regelmäßig um Mithilfe bei der Entschlüsselung von Fotos – darüber erzeugen wir viel Aufmerksamkeit.

Außerdem bieten wir regelmäßig Webinare zu unterschiedlichen Themen an, die sehr gut angenommen werden.

 

Fast täglich Hinweise und Hilfsangebote

Welche Rolle spielen Archive und Initiativen bei #LastSeen?

Für den Erfolg von #LastSeen sind vor allem Archive, die selbst Bilder von Deportationen im Bestand haben, enorm wichtig. Nur mit ihrer Zustimmung wird es uns gelingen, alle Fotos zusammenzuführen. Auf die schon erwähnte Anfrage haben sich sehr viele Archive zurückgemeldet. Es erreichen uns fast täglich wertvolle Hinweise und Hilfsangebote aus den Archiven, auch von Privatleuten oder lokalen Initiativen. 

 

»Uns ist es im Gegenzug wichtig, das von uns recherchierte Wissen an die Archive zurückzugeben. Gerade kürzlich sind wir beispielsweise in einem Archiv in den USA auf ein Deportationsfoto sehr wahrscheinlich aus Bad Homburg gestoßen, das im lokalen Archiv noch nicht bekannt war.« 

Dr. Alina Bothe, Projektleiterin #LastSeen

 

Archivar*innen und Historiker*innen aus der Region unterstützen uns nun dabei, mehr über das Bild und seine Überlieferungsgeschichte herauszufinden.

 

Was steht im Mittelpunkt der nächsten Projektphase?

Im Moment vertiefen wir die Recherchen zu den Bildern, die wir bisher zusammengetragen haben. Parallel dazu geht die Suche nach neuen Bildern weiter. Im nächsten Schritt werden alle Bild- und Kontextdaten in die Datenbank übertragen, die die Basis für unseren Bildatlas bildet.

Gleichzeitig arbeitet die Agentur an den 3-D-Animationen für die digitale Lernanwendung. Sobald diese fertig erstellt und programmiert ist, werden wir es gemeinsam mit Jugendlichen aus mehreren Schulklassen testen.

 

Go-Live im März 2023

Ab wann sind Bildatlas und Bildungstool öffentlich zugänglich?

Bildatlas und Bildungstool werden Anfang März 2023 in einem Online-Event öffentlich vorgestellt und freigeschaltet. Im Anschluss wird es eine zweitägige Konferenz für die Fachöffentlichkeit geben. Die Planung dafür hat schon begonnen.

 

Und wie geht es danach weiter mit #LastSeen?

Wir hoffen, dass es uns gelingt, weitere Fördergelder zu akquirieren, um die Suche auf andere europäische Länder ausdehnen zu können. Erst vor ein paar Tagen schickte mir eine Frau das Foto ihrer Großmutter, die mutmaßlich im Vernichtungslager Chelmno ermordet wurde. Das Foto zeigt die alte Dame unmittelbar vor dem Abtransport aus Włocławek. Unser jetziges Vorhaben auf das deutsche Reichgebiet beschränkt – solche Funde zeigen aber ganz deutlich, dass die Suche über das Forschungsgebiet hinaus sehr lohnenswert wäre.

Dr. Alina Bothe ist Projektleiterin von #LastSeen. Zu ihren Forschungsthemen gehört die digitale Geschichte, Geschlechtergeschichte und die Geschichte des Nationalsozialismus. Sie hat mehrere Ausstellungen zur Geschichte der „Polenaktion“ verantwortet und kuratiert. Auch in ihrer Habilitationsstudie beschäftigt sie sich mit der Verfolgung von Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit im Deutschen Reich 1938-1942. Sie erhielt zahlreiche internationale Fellowships und ist mit dem internationalen Lehrpreis der USC Shoah Foundation ausgezeichnet worden.

Zu den Veröffentlichungen von Alina Bothe zählen:

  • Die Geschichte der Shoah im virtuellen Raum. Eine Quellenkritik, München 2019
  • Ausgewiesen! Berlin, 28. Oktober 1938. Die Geschichte der „Polenaktion“, Berlin 2018 (gemeinsam mit Gertrud Pickhan)

 

#LastSeen in Zahlen

(Stand: August 2022)

60 Anzahl der Orte, aus denen Fotos vorliegen*
1.700 Anzahl der angeschriebenen Archive*
250+ Anzahl der Webinar-Teilnehmer*innen*
* Die Zahlen sind gerundet.
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