Am 20. Januar 2022, dem 80. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, startete in München die neue Wanderausstellung #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen. Im Laufe des Jahres wird die mobile Schau auf einem historischen LKW durch viele Orte und Gemeinden in ganz Deutschland touren.

Auf dem Marienplatz, direkt vor dem Münchener Rathaus, parkt ein taubengrau lackierter Mercedes-LKW aus den 1950er Jahren. Die Plane an einer Seitenwand ist aufgerollt, zwei Stahltreppen führen auf die Ladefläche. Vom 20. bis zum 25. Januar machte der frisch renovierte #LastSeen-LKW erstmals in einer deutschen Stadt Halt und sorgte für viel Aufmerksamkeit.

Die Ausstellung im Innern des Laderaums informiert über Fotos der Deportationen aus dem Deutschen Reich zwischen 1938 und 1945. Die meisten der Männer, Frauen und Kinder sind auf den Bildern ein letztes Mal zu sehen, bevor die Nationalsozialisten sie in die Vernichtungslager brachten und ermordeten. Auf den Tafeln erfahren die Besucher*innen, was das Besondere an diesen Fotos ist, welche Geschichten sie erzählen und wie die Bilder zu entschlüsseln sind.

 

Es ist kein Zufall, dass die Ausstellung #LastSeen in München zum ersten Mal gezeigt wurde:

»München gehört zu den wenigen Großstädten, aus denen Fotos der Deportationen bekannt sind. Hier haben die Täter die Vorbereitung und Durchführung des Transportes am 20. November 1941 nach Kaunas fotografiert. Anhand dieser Bildserie aus München wird in einem Pilotprojekt die systematische Erschließung der Fotos vorbereitet.«

Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Stadt München

 

14 Fotografien von diesem Transport sind überliefert. Ein wichtiges Ziel sei es, die auf den Fotos abgebildeten Menschen zu identifizieren, so Oberbürgermeister Reiter, der die Ausstellung zusammen mit Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, in der bayerischen Landeshauptstadt eröffnet hat.

 

Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München und Oberbayern, Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Stadt München, Dr. Henning Borggräfe, Leiter Forschung und Bildung der Arolsen Archives und Dr. Andrea Despot, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) (Foto: Michael Nagy/Presse- und Informationsamt München).

 

Suche nach bislang unbekannten Fotos

Längst nicht überall sind so viele Bilder wie in München erhalten, bislang bekannt sind rund 550 Fotos aus circa 50 Orten. Aber aus vielen anderen Orten gebe bis heute keine Deportationsbilder, erklärte Henning Borggräfe, Leiter Forschung und Bildung der Arolsen Archives, auf der Pressekonferenz zur Eröffnung. Das gelte gerade für die Großstädte mit großen jüdischen Gemeinden wie Berlin, Frankfurt oder Hamburg. „Was wir schaffen wollen, ist eine breite Grundlage für Erinnerung, Forschung, aber auch für die Bildung. Und gerade für die Bildungsarbeit sind die Fotografien so wichtig, nicht zuletzt deshalb, weil Fotos im Alltag der Jugendlichen allgegenwärtig sind.“

Deshalb startete zeitgleich mit der Ausstellung eine breit angelegte Suchkampagne nach bislang unbekannten Fotos der NS-Deportationen. Bei dieser Suche hoffen die fünf Projektpartner auf breite öffentliche Unterstützung. Jede*r ist eingeladen, nach bislang unbekannten Bildern von Deportationen zu recherchieren oder bei der Identifizierung von Personen, Orten und Situationen zu helfen: Wer hat fotografiert? Welche Personen sind auf den Fotos abgebildet? Und was lässt sich über diese Menschen noch in Erfahrung bringen? 

 

Innenraum des #LastSeen LKWs (Foto: Jens-Ole Kracht, brandscope)
Der #LastSeen LKW auf dem Sankt-Jakobs-Platz in München (Foto: Maximilien Strnad, München)

#LastSeen unterwegs in Bayern

Der #LastSeen-LKW stammt aus den 1950er Jahren, er kam nicht bei Deportationen zum Einsatz. Baugleiche Fahrzeuge wurden jedoch von den Nationalsozialisten für Transporte von Verfolgten zu Sammellagern und Bahnhöfen genutzt. Die Eröffnung der #LastSeen-Ausstellung fand am 20. Januar auf dem Münchener Marienplatz statt, im Anschluss war sie auch auf dem Rindermarkt und dem Sankt-Jakobs-Platz vor dem Jüdischen Museum in München zu sehen. Vom 28. Januar bis zum 9. Februar macht der LKW in Regensburg Station. 

 

Opfern der NS-Verfolgung Namen und Gesichter geben

Wie wichtig es gerade in heutigen Zeiten ist, die Erinnerung wachzuhalten, darauf wies die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch in ihrem Statement hin. Längst nicht alle seien bereit, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen, bedauerte sie. Immer häufiger sei zu hören, die Vergangenheit von damals habe mit unserer Zukunft von heute nichts mehr zu tun. „Was für ein gefährlicher Irrtum!“, betonte Knobloch.

 

»Wir ehren diejenigen mit unserem Andenken, die verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Ihre Vergangenheit nicht aus dem Sichtfeld zu verlieren, bedeutet unsere Zukunft zu bewahren. Deshalb ist es so wichtig, ihnen viel mehr als bisher einen Namen und ein Gesicht zu geben – genauso wie #LastSeen es tut.«

Dr. h. c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München und Oberbayern

 

Auch Andrea Despot, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), die die Initiative #LastSeen im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht fördert, unterstrich die Bedeutung solcher Erinnerungsprojekte, zumal Zeitzeugen und Zeitzeuginnen zunehmend verstummten. Interaktive, partizipative Projekte, die den digitalen Raum nutzen, könnten Hass und Hetze, die online wie offline immer schriller geäußert würden, entgegenwirken. „Das besondere an dem Projekt ist, das es eine Brücke schlägt zwischen der Forschung und der Vermittlungsarbeit. Es nutzt den digitalen Raum als Sphäre der Zusammenarbeit, des Lernens und der Präsentation der Ergebnisse“, erklärte sie.

 

Webvideo und Livestream der Jugendredaktion Dein LiFE

Die Pressekonferenz zur Eröffnung im Neuen Rathaus am 20. Januar wurde von der Münchener Jugendredaktion Dein LiFE gestreamt, die auch ein kurzes Video zur Ausstellung produziert hat.

 

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