#LastSeen setzt auf breite öffentliche Unterstützung. Jeder und jede kann mithelfen, bisher unbekannte Fotos der NS-Deportationen zu finden und zu entschlüsseln. Dr. Christoph Kreutzmüller erklärt, welche Fotos gesucht werden, an wen sich Freiwillige wenden können und was Bring-your-photo-Events sind.

Ich möchte bei #LastSeen mitmachen. Nach welchen Fotos muss ich suchen?

Bei #LastSeen suchen wir nach Fotos, die zeigen, wie Menschen zwischen 1938 und 1945 aus dem Deutschen Reich zwangsweise abtransportiert wurden – Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Romn*ja, aber auch Personen, die den Krankenmorden zum Opfer fielen. Die Bilder können zum Beispiel zeigen, wie Männer, Frauen und Kinder aus ihren Wohnungen abgeholt und in Sammellager gebracht wurden. Oder wie die Behörden die Menschen erfasst und registriert haben, ein sehr aufwendiger Prozess. Oder wie sie in Züge gepfercht und verschleppt wurden. 

 

Wie verbreitet waren Kameras damals in der Bevölkerung?

Es gibt Schätzungen, wonach es 1939 im Deutschen Reich rund 10 Millionen Kameras gab. Die meisten Menschen besaßen aber eher einfache Knipser, oft Boxkameras, ganz wenige eine Leica, die sehr teuer war. Neben der professionellen gab es also schon eine Hobbyfotografie, die auch vom Regime unterstützt wurde.

 

Die Fotos und wo sie zu finden sind

Wo lohnt es sich, nach Fotos zu suchen?

Überall dort, wo historische Fotos aufbewahrt werden, zum Beispiel in alten Fotoalben der Familie, in Schuhkartons oder den typischen zeitgenössischen Zigarrenkisten, die vielleicht im Schrank oder auf dem Dachboden liegen.

In Fotoschachteln oder Familienalben aus der NS-Zeit können sich zum Beispiel Deportationsfotos verstecken (Foto: Christoph Kreutzmüller).

 

Wir haben im Rahmen von #LastSeen zwar schon über 1.700 Archive in Deutschland angeschrieben, aber es gibt sicher noch kleinere Archive, die wir bisher nicht erreicht haben. Gerade in der Frühzeit der Deportationen, also 1938/39, wurde oft noch in der Zeitung darüber berichtet. Fotos könnten also auch in historischen Ausgaben von Lokalzeitungen zu finden sein, die vielleicht in der Stadtbibliothek oder beim örtlichen Zeitungsverlag aufbewahrt werden.  

 

Wo vermuten Sie die meisten Bilder?

Der Historiker Klaus Hesse hat mal geschrieben, dass Deportationen eine „kleinstädtische Sensation“ waren. Tatsächlich kennen wir viel mehr Fotos aus kleinen Städten und Gemeinden als aus Großstädten. Hier fielen Deportationen besonders auf und die zuständigen Behörden haben vielleicht mal ein Auge zugedrückt, wenn die Transporte fotografiert wurde. Außerdem wurden Kleinstädte im Krieg weniger bombardiert. Aus Metropolen sind fast keine Fotos bekannt, obwohl von hier aus sehr viele Deportationszüge starteten. Ein Foto aus Berlin, Frankfurt oder Hamburg zu entdecken, wäre eine echte Sensation.

 

»Was wir bisher gelernt haben ist, dass Fotos von Deportationen oft gar nicht so aussehen, wie wir es uns vorstellen. Unser Bild von Deportationen ist stark geprägt von der Ankunft der Viehwaggons in Auschwitz-Birkenau, wo Menschen aus diesen Waggons auf eine Rampe strömen.« 

Dr. Christoph Kreutzmüller, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

 

Welche Details deuten darauf hin, dass es sich um ein Deportationsbild handelt?

Typisch sind Gruppen oder ganze Züge von Menschen mit oder ohne Gepäck, die auf der Straße durch einen Ort gehen. Nicht immer sind Wachposten zu sehen, denn die Überwachung war allgegenwärtig und funktionierte auch so. Manchmal können wir einen Judenstern auf der Kleidung entdecken, manchmal ist der aber auch verdeckt – oder nur auf den dritten Blick zu erkennen. Bei den Jüdinnen und Juden, die deportiert wurden, handelte es sich oft um ältere Menschen, die Sinti*zze und Romn*ja waren meist jünger.

 

Foto von der letzten Deportation aus Kitzingen, (Foto: Staatsarchiv Würzburg / Fotograf: Lothar Heer, 21.9.1942)
Am 28. April 1942 holte die Gestapo Anneliese, Berta, Else, Georg und Hugo Löwenstein, Lina, Kurt, Moritz und Paul Meyberg, Erna Levy und Henriette Schlesinger mit einem Lastwagen aus Hohenlimburg ab und brachte sie nach Hagen, von wo aus sie in das von Deutschland besetzte Polen verschleppt wurden (Foto: Stadtarchiv Hagen / Fotograf: Rudolf Ante, 28.4.1942).

Woran kann man eine Deportation erkennen?

Die Fotos, die wir aus dem Reichsgebiet gefunden haben, zeigen oft ganz normale Bahnhöfe mit regulärem Zugverkehr. Es sind Abteilzüge zu sehen, oft schäbige Dritte-Klasse-Waggons , aber auch Busse oder LKWs , mit denen die Verfolgten aus ihren Wohnungen abgeholt wurden – daran erinnert auch unsere Wanderausstellung im historischen LKW.

 

 

Bring your photo: Austausch im Web und vor Ort

An wen kann ich mich wenden, wenn ich ein Foto gefunden habe?

Wer ein Foto findet, das für #LastSeen interessant sein könnte, kann sich per E-Mail an lastseen@arolsen-archives.org oder auch per Post an die Arolsen Archives wenden. Auf der Website lastseen.org sind alle Kontaktmöglichkeiten aufgeführt. Dazu reicht es, das Bild einfach abzufotografieren, am besten von beiden Seiten, und uns zu schicken. Außerdem organisiert unser Team regelmäßig Veranstaltungen unter dem Motto „Bring-your-photo“, die Termine sind auch auf der Website zu finden.

 

Was sind Bring-your-photo-Events?

Bei diesen Veranstaltungen schauen wir uns die Fotos an, die Freiwillige gefunden haben, und helfen bei der Einordnung. Manchmal gibt es zum Beispiel handschriftliche Notizen auf der Rückseite des Fotos oder Bildunterschriften im Album. Oder wir finden Bilddetails, die uns weiterhelfen. Ich beschäftige mich zum Beispiel gerade mit einer Fotoserie aus Eisenach. In manchen Bildern sind blühende Kirschbäume zu sehen – daher wissen wir, dass sie Ende April oder Anfang Mai aufgenommen worden sein müssen. Diese offenen Foto-Sprechstunden finden einmal monatlich online statt. Außerdem organisieren wir auch Live-Veranstaltungen vor Ort, in der Regel da, wo sich gerade der #LastSeen-LKW befindet.   

 

In Eisenach dokumentierte der von der Stadt beauftragte Fotograf Theodor Harder den Weg der Jüdinnen und Juden durch die Straßen. Das Foto ist Teil einer Bildserie (Foto: Stadtarchiv Eisenach / Fotograf: Theodor Harder, 9.5.1942).

 

Wenn ich mein Foto dem Projekt zur Verfügung stellen möchte, muss ich dann das Original und die Rechte daran abgeben?

Nein, alle Rechte bleiben bei den Eigentümer*innen. Für das Projekt reicht uns ein Foto oder ein Scan des Originals und die Erlaubnis, die digitale Kopie zu verwenden.  

 

Was passiert mit den Digitalisaten?

Wir sammeln die Deportationsbilder und katalogisieren sie. Dann werten wir sie inhaltlich aus, vergleichen sie und ordnen sie in den historischen Kontext ein. Wir versuchen Orte und Personen zu identifizieren und weitere Materialien zu finden, die uns dabei helfen, die abgebildete Situation zu verstehen. Diese Informationen werden dann zusammen mit den Fotos in einem digitalen Bildatlas veröffentlicht, der Ende 2022 online geht.

 

Was erhoffen Sie sich persönlich von der Initiative?

Ich hoffe einerseits, dass wir in der Gesamtschau der Fotos ein klareres Bild davon bekommen, wie die Verschleppungen organisiert waren und warum sie ungestört in aller Öffentlichkeit geschehen konnten. Das andere ist, dass wir die Fotos im Sinne des Gedenkens an die Betroffenen sammeln und würdig und ethisch verantwortungsvoll mit diesen wichtigen Quellen umgehen wollen.

 

 

Dr. Christoph Kreutzmüller arbeitet im Forschungsteam von #LastSeen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, einem der #LastSeen-Kooperationspartner. Er ko-kuratierte die Ausstellungen „Gurs 1940 – Die Deportation und Ermordung von südwestdeutschen Jüdinnen und Juden“ sowie das Segment „Katastrophe. Die Reaktionen der Jüdinnen und Juden in Deutschland auf die Verfolgung“ im Jüdischen Museum Berlin. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind viele zur Fotogeschichte, etwa:

  • „Fixiert. Fotografische Quellen zur Verfolgung und Ermordung der Juden in Europa. Eine pädagogische Handreichung“, Bonn und Berlin 2016 (mit Julia Werner)
  • „Die Fotografische Inszenierung des Verbrechens. Ein Album aus Auschwitz“, Bonn 2020 (mit Tal Bruttmann und Stefan Hördler)

 

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