Die Künstlerin R. Stein Wexler ist Initiatorin des partizipativen Erinnerungsprojekts „Fügung des Schicksals“. Mit Workshops und Installationen im öffentlichen Raum will die Initiative auf die Geschichte des früheren jüdischen Altenheims und NS-Sammellagers in der Gerlachstraße in Berlin-Mitte aufmerksam machen. 

Vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich in der Gerlachstraße 18-21 (heute Berolinastraße) ein jüdisches Altenheim. Im August 1942 wandelten es die Nationalsozialisten in eine Sammelstelle für Jüdinnen und Juden um. Bis März 1943 wurden von hier aus bis zu 2.500 Menschen in das Ghetto Theresienstadt verschleppt, darunter auch Bewohner*innen des Altenheims. Nach dem Krieg entstand auf dem teilweise von Bomben zerstörten Areal in der Nähe des Alexanderplatzes ein neues Stadtviertel ‒ die Geschichte des Ortes geriet in Vergessenheit.

 

Postkarte von Paula Jonas an die Suchabteilung American Joint Distribution Committee vom 12. November 1946 (Quelle: ITS Digital Archive, Arolsen Archive)
Auszug aus der Transportliste „1. Großer Alterstransport“ vom 17. August 1942 nach Theresienstadt (Quelle: ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

Deportation aus dem Altenheim

Unter den Deportierten war auch Paula Jonas, eine der wenigen überlebenden Bewohner*innen des jüdischen Altenheims und späteren Sammellagers in der Gerlachstraße. Auf einer Postkarte an das Berliner Suchbüro des American Jewish Joint Distribution Committees berichtet sie am 12. November 1946 über den Abtransport von Heimbewohner*innen.

 

Frau Wexler, zusammen mit Anwohner*innen haben Sie 2020 das Erinnerungsprojekt „Fügung des Schicksals“ ins Leben gerufen. Worum geht es dabei?

„Fügung des Schicksals“ ist ein fortlaufender Erinnerungsprozess. Genauso wie die Öffentlichkeit ständig im Fluss ist, so ist es auch die öffentliche Erinnerung. Deshalb ist das Gedenken nie zu Ende.

Für das Projekt habe ich zunächst die Anwohner*innen aus der Nachbarschaft eingeladen, mit mir zusammen die Namen und demografischen Daten der 160 Bewohner*innen des Altenheims zu lesen. Die Aufzeichnung dieser Lesung ist als Audioschleife heute im öffentlichen Raum zu hören ‒ genau dort, wo das Sammellager einmal stand.

 

Einlesen der Namen für das Projekt „Fügung des Schicksals“ (Quelle: Rico Prauss)

 

Außerdem haben die Teilnehmer*innen ihre Antworten auf die Frage „Was willst du [viel] später einmal werden?“ aufgeschrieben. Begleitend zur Audioinstallation gibt es in der Berolinastraße eine Gedenktafel, die über die Geschichte des Ortes informiert.

 

Wie sind Sie selbst auf dieses Thema gestoßen?

Ich bin durch Kolleg*innen vom „Haus der Statistik“, einem gemeinwohlorientierten Berliner Modellprojekt, und durch das Stadtteilmagazin der Karl-Marx-Allee auf diesen Ort gestoßen. So kam ich mit Anwohner*innen ins Gespräch, die die Geschichte des Ortes erforscht haben und diese Informationen öffentlich zugänglich machen wollten. Zusammen haben wir ein Erinnerungskonzept entwickelt, das nicht nur der Geschichte des Hauses gerecht wird, sondern auch den zeitgenössischen Kontext und die Community berücksichtigt.

„Fügung des Schicksals“ wurde im Januar 2022 erstmals öffentlich vorgestellt. Jetzt gehen wir in die nächste Phase des Projekts, das von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert wird.

 

Für den 9. September haben Sie einen weiteren Workshop geplant. Was findet an diesem Tag statt und wie können sich Interessierte beteiligen?

Aktuell versuchen wir mehr über die Identitäten und Schicksale der ehemaligen Bewohner*innen des Altenheims herauszufinden. Am 9. September von 18 bis 21 Uhr laden Dr. Akim Jah, Historiker der Arolsen Archives, und ich zu einem partizipativen Workshop im Haus der Statistik ein. Dabei lernen Interessierte, wie sie durch verschiedene digitale Archive navigieren können.

Die Daten, die wir im Rahmen dieses Workshops recherchieren, werden am 24. September an den temporär rekonstruierten Wänden des Altenheims in der Berolinastraße hinter dem Haus der Statistik öffentlich präsentiert. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, den Raum und die Informationen zu erkunden und sich durch den Erinnerungsprozess miteinander zu verbinden.

Workshop: Freitag, 9. September, 18 bis 21 Uhr im Haus der Statistik (Karl-Marx-Allee 1, 10178 Berlin) 

Installation: Samstag, 24. September, 17 bis 20 Uhr, in der Berolinastraße, 10178 Berlin

Um sich für eine dieser Veranstaltungen anzumelden, schreiben Sie bitte an fuegungdesschicksals@gmail.com.

R. Stein Wexler ist Künstlerin und Stadtplanerin. In ihrer Arbeit hat sie sich auf partizipative Erinnerungs- und öffentliche Kunstprojekte spezialisiert. Als Stadtplanerin war sie Beraterin für Städtebau, Kreativwirtschaft und Denkmalplanung. Sie lebt in Durham, North Carolina, und Berlin. 

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