Im Februar gastierte #LastSeen in Regensburg. Die Historikerin Katharina Lenz hat die Ausstellung zu Fotos der NS-Deportationen auf dem Haidplatz besucht. Eines der Bilder auf den Tafeln zeigt die Deportation von Regensburger Jüdinnen und Juden im Jahr 1942. Mit Unterstützung der Facebook-Gruppe „Regensburger damals“ gelang es ihr, mehr über dieses Foto herauszufinden.

Deportation von Jüdinnen und Juden in Regensburg, April 1942 (Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation)

 

Etwa 80 Menschen, schwer beladen mit Koffern und Taschen, stehen dicht gedrängt auf einem Platz vor einem Bauzaun im Hof eines Häuserblocks. Sie werden von mehreren uniformierten Polizisten bewacht. Das Foto stammt aus dem Stadtarchiv Regensburg und zeigt Jüdinnen und Juden, die im April 1942 von Regensburg nach Piaski in Polen verschleppt wurden – so viel ist bekannt.    

Darüber hinaus wirft die Fotografie viele Fragen auf: Wo genau spielte sich die Szene in Regensburg ab? Wer hat sie fotografiert? Anders als die meisten bekannten Deportationsfotos wurde das Bild aus größerer Distanz aufgenommen. Das spricht dafür, dass es heimlich gemacht wurde. Aber aus welchem Gebäude? Und warum? In der lokalhistorisch engagierten Facebook-Gruppe „Regensburger damals“ trugen die Mitglieder ihr Wissen aus regionalen Publikationen, örtlichen Adressbüchern und Archiven zusammen ‒ und fanden erste Antworten.

 

Der Ort des Geschehens

Aus dem Buch „‚Die Firma ist entjudet‘ – Schandzeit in Regensburg 1933-1945“ von Waltraud Bierwirth aus dem Jahr 2017 stammt zum Beispiel der Hinweis, dass die Menschen sich auf dem Platz der ehemaligen Synagoge in der Schäffnerstraße befinden, die in der Reichsprogramnacht 1938 zerstört worden war. In der Bildunterschrift ist zu lesen: „4. April 1942: Auf dem Platz der ehemaligen Synagoge sammelte die Gestapo am frühen Samstagmorgen vor Ostern die zur Deportation bestimmten Juden.“

Hinter dem Bretterzaun, so heißt es in der Veröffentlichung „Regensburger Juden – Jüdisches Leben von 1519 bis 1990“ von Siegfried Wittmer, habe sich die Reichsbank befunden. „Die kahle Mauer links gehört zum Nordflügel des […] vom Brand nicht erfassten Gemeindehauses. An sie schloss sich bis zur Pogromnacht unmittelbar die Synagoge an.“

 

Der Abbruch der ausgebrannten Synagoge, 23. November 1938 (Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation)
Außenansicht der Synagoge (Schäffnerstraße 2 - heute: Am Brixener Hof 2) (Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation)

Die Regensburger Synagoge

Die 1912 erbaute Synagoge mit dem angebauten Gemeindehaus befand sich in der Schäffnerstraße 2 in Regensburg. Sie wurde in der Reichpogromnacht niedergebrannt und wenig später abgerissen. Auf diesem Platz wurden die Jüdinnen und Juden im April 1942 versammelt.

Der Fotograf – ein Flugzeugklempner?

Einer Regensburger Überlieferung zufolge hatte ein Bankdirektor das Foto heimlich aus seiner Wohnung heraus aufgenommen, eine Vermutung, der die Gruppe nachging. Doch der einzige Bankdirektor, den die Mitglieder ausfindig machen konnten, wohnte laut Regensburger Adressbuch von 1936/37 in der Schwarzen-Bären-Straße 10. Seine Wohnung befand sich im Obergeschoss der Reichsbank – im Gebäude mit den Bogenfenstern, das auf dem Foto im Hintergrund zu sehen ist. Offenbar eine falsche Spur. 

Mitglieder der Gruppe rekonstruierten daraufhin auf Google Maps die Aufnahmerichtung und fanden heraus, dass das Foto aus dem 2. Obergeschoss des schräg gegenüberliegenden Hauses in der Schäffnerstraße 9 aufgenommen worden sein muss. Laut Regensburger Adressbuch von 1939 wohnte hier unter anderem der Flugzeugklempner Josef Amann. „Wenn er als Arbeiter im Messerschmitt Flugzeugwerk tätig war, was naheliegend ist“, so Katharina Lenz, „dürfte er vergleichsweise gut verdient haben und käme als Besitzer eines Fotoapparates in Frage“. Ob Josef Amann tatsächlich der Fotograf des Regensburger Deportationsbildes war, muss noch durch weitere Recherchen bestätigt werden.

 

Grundriss der Synagoge Regensburg des Architektenbüros Koch/Spiegel von 1911. Er zeigt auch den Verlauf der Luzengasse und der Schäferstraße (Foto: Stadtarchiv Regensburg, Plan- und Kartensammlung, 226 – Nachlass Schmetzer 4).

 

Verortung in der Schäffnerstraße

Für die Verortung des Fotostandorts spricht noch ein weiteres Detail: Links im Deportationsfoto sind die markanten Ecksteine eines Hauses zu sehen, das die Mitglieder der Facebook-Gruppe anhand einer Aufnahme aus dem Regensburger Baualtersplan als Eckhaus Luzengasse / Schäffnerstraße (heute: Am Brixener Hof) identifizieren konnten.

Diese und weitere Ergebnisse der historisch interessierten Ortskundigen fließen nun in die Arbeit von #LastSeen ein und tragen dazu bei, das Wissen über die Deportationsfotos zu erweitern.

 

Helfen Sie uns!

In der Rubrik #Gefunden berichten wir regelmäßig über Ergebnisse und Funde im Rahmen der Initiative #LastSeen. Wenn Sie mehr über das Foto aus Regensburg wissen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf! 

Kontakt

Katharina Lenz ist freie Historikerin (M.A.) und Publizistin in Regensburg und Umgebung.

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