„Sonderfahrt“ – Fotoserie der „Polenaktion“ in Rendsburg

Ende Oktober 1938 verschleppten die Nationalsozialisten Tausende polnischstämmige Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich an die polnische Grenze. Von dieser ersten organisierten Verschleppung, der sogenannten Polenaktion, sind nur wenige Fotos aus dem Reichsgebiet bekannt. Eine außergewöhnlich detaillierte Fotoserie aus Rendsburg wird bald im digitalen Bildatlas von #LastSeen zu sehen sein.

Es ist ein Zufallsfund, den Uwe Jäckel, passionierter Sammler von Fotos zur Geschichte Rendsburgs, 2017 macht. Beim Sichten von Negativstreifen aus dem Nachlass des Rendsburger Fotografen Karl Frömert fällt ihm plötzlich ein Gesicht auf, dass ihm bekannt vorkommt: ein Polizist, den er schon einmal gesehen hat. Auf den Abzügen erkennt er den Rendsburger Marktplatz, aufgenommen vermutlich in den späten 1930er Jahren. Eine Gruppe von Menschen ist darauf zu sehen, ein Bus mit der Aufschrift „Sonderfahrt“, Ordnungskräfte, Zuschauer – richtig einordnen kann er die Szene nicht.

 

Einziges fotografisches Zeugnis der „Polenaktion“ in Rendsburg

Uwe Jäckel engagiert sich seit Jahren in der Gesellschaft für Rendsburger Stadt- und Kreisgeschichte. Ebenso wie Frauke Dettmer, Kulturwissenschaftlerin, ehemalige Leiterin des Jüdischen Museums in Rendsburg und langjährige Forscherin zur jüdischen Geschichte in Schleswig-Holstein. Ihr legt er die Fotos vor. Und sie erkennt auf den ersten Blick: diese Bilder sind eine Sensation. Denn es handelt sich um die einzigen fotografischen Zeugnisse der sogenannten Polenaktion in Rendsburg. Bei dieser reichsweiten Aktion wurden Ende Oktober 1938 Tausende Jüdinnen und Juden polnischer Abstammung an die polnische Grenze verschleppt (siehe Infokasten).

Frauke Dettmer hatte gerade ihr Buchmanuskript zu dieser ersten Rendsburger Deportation fertiggestellt und dafür zahlreiche Dokumente aus deutschen und belgischen Archiven ausgewertet, darunter auch ein Fotoheft der Rendsburger Polizei aus dem örtlichen Stadtarchiv. Den Polizisten, der Uwe Jäckel aufgefallen war, erkennt sie deshalb sofort. Aber auch fast alle anderen Personen auf den Bildern kann sie auf Anhieb zuordnen.

„Ich bekam eine Gänsehaut, als Uwe Jäckel mir die Fotos zeigte“, erinnert sie sich, „denn das waren die Bilder zu der Geschichte, die ich gerade geschrieben hatte. Ich wusste, dass es zwölf Personen waren, die der Verschleppung zum Opfer gefallen waren. Ich kannte ihre Biografien. Und plötzlich sah ich die Fotos dazu, die wesentlich mehr Informationen enthielten als das, was ich den Akten entnehmen konnte.“

 

Überraschendes Angebot an der Haustür

Von all dem ahnte Uwe Jäckel nichts, als im Jahr 2015 ein Mann mit einer Aktentasche in der Hand an seiner Haustür klingelte. Er stellte sich als Nachfahr von Karl Frömert vor und bot Jäckel, der sich damals für die Geschichte des Nord-Ostsee-Kanals interessierte, einige Gegenstände aus dem Nachlass des ortsbekannten Fotografen an. Die Verhandlungen zogen sich über Jahre hin, bis der Sammler schließlich zwei Umzugskartons mit unsortierten Materialien erwarb: Briefe, Bücher, Karten und sehr viele Negative. Darunter auch die Bildserie der Rendsburger Polenaktion.

 

Ankunft der Familie Seelenfreund im Taxi auf dem Altstädter Markt in Rendsburg. Von vorn zu sehen ist das jüdische Kindermädchen der Familie, die Hamburgerin Senta Bloch. (Foto: Karl Frömert/Sammlung Uwe Jäckel)
Senta Bloch spricht mit dem „Organisator“ der Aktion. Die Frau mit ängstlichem Gesichtsausdruck an der Wand ist Rosa Fordonski, daneben stehen Jonas Seelenfreund, seine Frau Mathilde mit den Kindern Renate und Heinz (beide mit Baskenmütze), hinter dem Paar: der Verwaltungspolizist Max August Stehl. Zwei unbekannte Kinder sind an die Gruppe herangerückt und hören neugierig zu, ebenso der Busfahrer. Hinter den Scheiben verfolgen Mitarbeiter der Stadtkasse die Szene. (Foto: Karl Frömert/Sammlung Uwe Jäckel)

Die „Polenaktion“ in Rendsburg

Die „Polenaktion“ war die erste organisierte Deportation aus dem Deutschen Reich. Am letzten Oktoberwochenende 1938 verhafteten die Nationalsozialisten deutschlandweit etwa 25.000 polnisch-stämmige Jüdinnen und Juden und verschleppten sie mit Sonderzügen an die deutsch-polnische Grenze. In Schleswig-Holstein scheiterte die Maßnahme an bürokratischen Pannen. Aus Rendsburg wurden am 29. Oktober 1938 elf Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit sowie eine deutsche Jüdin mit einem Bus abtransportiert. Weil die Aktion bereits von den deutschen Behörden abgebrochen worden war, kehrten die Deportierten am Folgetag vorerst nach Rendsburg zurück. Nur vier der zwölf Personen überlebten den Holocaust.

 

Abtransport vom belebten Marktplatz

Die Fotos zeigen den Altstädter Markt, im Hintergrund beschauliche Fachwerkhäuser, ein bekanntes Traditionslokal, vor der Stadtkasse steht ein Bus der Firma Thordsen. Dass die Ausweisungsaktion in Rendsburg hier begann, wusste Frauke Dettmer bereits aus den Akten. Neu ist ihr, dass sie zu einer sehr belebten Zeit stattfand: „Wir sehen Schulkinder mit ihren Ranzen, die auf dem Heimweg sind, Frauen, die an den Marktständen eingekauft haben und volle Netze tragen, Männer, die von der Arbeit zurückkehren. Die Szene dürfte sich um die Mittagszeit abgespielt haben.“

Zu sehen ist auch, wie mehrere Personen – Männer, Frauen und Kinder – zum Marktplatz gebracht werden, mit einem Taxi, zu Fuß, in einem Fall flankiert von einem Polizisten. Sie tragen warme Kleidung und kleines Gepäck. Die Gruppe ist umringt von immer mehr Zuschauer*innen und von Polizisten. Hinter den Fenstern der Stadtkasse recken die Angestellten ungeniert die Hälse, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Der Busfahrer plaudert mit einem Unbekannten.

 

Die „Sonderfahrt“ wird am 29. Oktober 1938 mit einem Bus der Rendsburger Firma Thordsen durchgeführt. (Foto: Karl Frömert/Sammlung Uwe Jäckel)

 

Der Fotograf Karl Frömert, Stadtangestellter und NSDAP-Mitglied mit guten Kontakten zur Kriminalpolizei, dokumentiert akribisch, wie die Personen in den Bus einsteigen. Die distanzlose Art, mit der er sie aus nächster Nähe ablichtet, ist für Frauke Dettmer ein klares Indiz, dass seine Arbeit von der Polizei mindestens geduldet, wenn nicht gar geschätzt wurde. „Ob die Stadt ihn selbst beauftragt hat, lässt sich nicht belegen“, ergänzt Uwe Jäckel, der zur Biografie des Fotografen recherchiert hat.

Zwar sei hinlänglich bekannt, dass viele Deportationen vor aller Augen stattfanden, in diesen Fotos werde das aber noch einmal außerordentlich anschaulich deutlich, erklärt Frauke Dettmer das Besondere an dieser Bildserie:

 

»Man bekommt förmlich klassisch vorgeführt, wie eine Gruppe aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen wird, während der Alltag für die anderen weitergeht. Das ist mir sehr nahe gegangen: Die eine Gruppe wird herausgerissen, in eine schreckliche Zukunft, die anderen leben weiter wie bisher – ganz normal.«

Frauke Dettmer

 

Bilder künftig im digitalen Bildatlas von #LastSeen

Insgesamt zehn Fotos der Rendsburger Bildserie werden mit Zustimmung von Uwe Jäckel bald im digitalen Bildatlas des Projekts #LastSeen für ein breites Publikum zugänglich sein. Projektleiterin Alina Bothe ist dankbar für diese Kooperation, denn auch über den lokalen Kontext hinaus sei der Fund bemerkenswert:

 

»Die Rendsburger Fotos zeigen außergewöhnlich detailliert, wie die Polenaktion durchgeführt wurde. Wir kennen keine anderen Fotos aus dem Reichsgebiet, die das Geschehen ähnlich umfassend dokumentieren würden. Und sie zeigen eindrücklich, dass die Aktion eine Art Probelauf für die späteren Deportationen war. Die Bilder ähneln sich auf frappierende Art und Weise.«

Alina Bothe, Projektleiterin #LastSeen

 

Hinzu komme, dass die Fotos dank der akribischen und unermüdlichen Arbeit von Frauke Dettmer bis in viele Details hinein erschlossen seien: „Wir kennen nicht nur die deportieren Personen und ihre Biografien, sondern auch viele der Täter und den Fotografen – ein Glücksfall für die Forschung.“

 

Mehr Fotos finden – die Opfer der Deportationen würdigen

Die ungewöhnliche Überlieferungsgeschichte der Rendsburger Serie bestärkt Alina Bothe auch in der Annahme, dass sich noch weitere Deportationsfotos in Privatbesitz befinden könnten. Daher ihre Bitte: „Wenn Sie Fotos aus der NS-Zeit zum Beispiel im Nachlass von Familienmitgliedern finden, die Deportationen abbilden könnten, setzen Sie sich mit uns in Verbindung.“

In Gesprächen über die NS-Zeit stellt Frauke Dettmer immer wieder fest, dass die Polenaktion auch unter historisch Interessierten bis heute weitgehend unbekannt ist. „Selbst Zeitzeug*innen können – oder wollen – sich nicht erinnern“, sagt Dettmer, die auch im Ruhestand weiter forscht. Durch #LastSeen könnte sich das ändern: „Ich hoffe, dass diese Vorgeschichte der Novemberpogrome bekannter wird und eine tiefere Würdigung der Opfer dieser gewaltsamen Aktion stattfindet“, sagt sie.

Ob durch #LastSeen vielleicht auch weitere Personen, zum Beispiel Zuschauer*innen im Hintergrund, auf den Bildern identifiziert werden können? Dettmer meint: „Ausschließen kann man das nie.“

Dr. Frauke Dettmer, Slavistin und promovierte Kulturwissenschaftlerin, von 1989 bis 2007 im Jüdischen Museum in Rendsburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin, zuletzt als Leiterin tätig. Auch im Ruhestand aktive Forschung zu Jüdinnen und Juden in Schleswig-Holstein, publizierte mehre Bücher zur jüdischen Geschichte in Schleswig-Holstein und ihrer Heimatstadt Cuxhaven. Vorstandsmitglied in der Gesellschaft für Rendsburger Stadt- und Kreisgeschichte, wurde 2021 mit dem Verdienstkreuz am Bande für die Erforschung der jüdischen Geschichte in Rendsburg geehrt.

Uwe Jäckel, Sammler von Fotos zur Rendsburger Geschichte, ebenfalls Vorstandsmitglied in der Gesellschaft für Rendsburger Stadt- und Kreisgeschichte.

Dr. Alina Bothe, Projektleiterin von #LastSeen, promovierte Historikerin mit den Forschungsthemen digitale Geschichte, Geschlechtergeschichte und die Geschichte des Nationalsozialismus. Kuratierte mehrere Ausstellungen zur Geschichte der „Polenaktion“. Auch in ihrer Habilitationsstudie beschäftigt sie sich mit der Verfolgung von Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit im Deutschen Reich 1938-1942.

#lastseen Logo
jetzt mitmachen!