Begleitend zur Forschungsarbeit entwickeln die Partner bei #LastSeen auch verschiedene Angebote für Schulen und andere Bildungsträger. Gerade entsteht ein interaktives Lernspiel – zusammen mit Schüler*innen. Wir haben einer Schulklasse beim Testen des Serious Games über die Schulter geschaut.

Die Dielen knarren, durch das Fenster fällt Licht auf den Boden der staubigen Dachkammer, wo sich Bücher, Kisten und Kartons stapeln. Svenja* navigiert durch den virtuellen Raum, auf dem Bildschirm erscheinen ausrangierte Möbel, Regale, ein vergilbtes Werbeplakat an der Wand, Fotos liegen verstreut auf dem Teppich. Sie klickt mit der Maus auf eines der Bilder und der Hinweis „Foto Schillerstraße heute“ poppt auf.

Svenja und ihre Mitschüler*innen des Wittelsbacher Gymnasiums haben ihr Klassenzimmer für einen Tag gegen die schicken Büros der Münchener Design-Agentur &why eingetauscht, um den Prototyp des Lernspiels testen.

 

Schüler*innen des Wittelsbacher-Gymnasiums beim Test in den Räumen der Agentur &why (Foto: &why)

 

Wie das Lernspiel entstand

„Der Gedanke, ein Spiel zu entwickeln, ist erst im Laufe des Projekts entstanden“, erinnert sich Christoph Kreutzmüller, der federführend für die Entwicklung des Bildungsangebotes zuständig ist.

 

»Wir wollten ein interaktives Angebot schaffen, ein Suchspiel, das historisches Wissen über die NS-Deportationen vermittelt und die Nutzer*innen dazu anregt, Bilder kritisch zu betrachteten. Und natürlich soll das Spiel – trotz des Inhaltes – auch Spaß machen.«

Christoph Kreutzmüller, #LastSeen-Team

 

Dafür sammelten Christoph Kreutzmüller und seine Kolleg*innen zunächst Erfahrungen in analogen Foto-Workshops mit Schulklassen in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. So kristallisierten sich auch die Bilder heraus, die am besten für die Bildungsarbeit geeignet sind: drei Fotoserien von Deportationen aus Eisenach, Remscheid und München. Die Spielidee wurde erst einmal als Brettspiel getestet, ein Teil sogar als Ausmalspiel ‒ um die Übersetzung in den virtuellen Raum und die Entwicklung des dreidimensionalen Dachbodens kümmerte sich die Agentur &why.

 

 

Herausgekommen ist ein browserbasiertes Online-Game, bei dem die Spielenden in die Rolle einer Journalist*in schlüpfen und für einen Blogartikel über eine NS-Deportation recherchieren. Ausgangspunkt für die Recherche ist besagter Dachboden, auf dem zahlreiche Hinweise versteckt sind, die es zu entdecken gilt: historische Dokumente, Fotografien und Gegenstände wie ein Mantel oder eine Kamera. „Alle Quellen an einem solchen Ort zu finden – der Traum jeder Historiker*in“, schmunzelt Christoph Kreutzmüller. Je mehr Informationen die Spieler*innen in ihrem virtuellen Notizbuch zusammentragen, desto detaillierter wird der Artikel, der am Spielende automatisch daraus generiert wird.

 

Dieser Screenshot aus dem Lernspiel zeigt ein Foto der Deportation aus Eisenach am 9. Mai 1942, vermuteter Fotograf: Theodor Harder (Foto: Stadtarchiv Eisenach, Screenshot: &why)

 

Die Geschichte der Fotos selbst rekonstruieren

Auf diese Weise rekonstruieren die Jugendlichen Stück für Stück die Geschichte hinter der Bildserie: Wer waren die Menschen, die 1942 durch die Straßen von Eisenach zum Bahnhof getrieben wurden? Wer schaute zu? Und wer organisierte dies Verbrechen? Auf welcher Route verlief der Deportationszug durch die Stadt und wer hat die Fotos aufgenommen? Es geht darum, genau hinzuschauen, auf Details zu achten und Fragen zu stellen. Manches bleibt dennoch offen, auch Leerstellen werden benannt, das ist den Entwickler*innen wichtig.

Das Spielkonzept scheint aufzugehen. Malte Grünkorn, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arolsen Archives, der das Testing in München begleitet, ist begeistert: „Die Ausrichtung des Spiels ist gut angekommen“, sagt er, „und auch das Design finden die Schüler*innen dem Thema angemessen.“ Hier und da hake es noch bei den Details, aber die Grundidee funktioniere. Das hat sich auch in einem anderen Test-Workshop gezeigt, der in der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen durchgeführt wurde.

Das erste Szenario über die Deportation in Eisenach ist zu 70 Prozent fertiggestellt, in den kommenden Wochen wird das Spielkonzept auf die Bildserie aus Remscheid übertragen. Parallel dazu arbeitet das Team um das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, ebenfalls Kooperationspartner bei #LastSeen, an der Umsetzung für die Münchener Bildserie. Veröffentlicht werden soll das interaktive Lernspiel am 7. März 2023 in einem Online-Event.

 

Das Spiel gemeinsam besser machen

Beim Feinschliff für das Game hofft Malte Grünkorn auf Unterstützung von Freiwilligen:

 

»Im Testing haben wir festgestellt, dass wir die Fotos noch genauer beschreiben müssen, damit die Spielenden bei der Eingabe ihrer eigenen Beobachtungen einen Treffer erzielen. Dafür müssen möglichst viele Begriffe zu den Fotomotiven in die Datenbank eingegeben werden.«

Malte Grünkorn, #LastSeen-Team

 

Dr. Christoph Kreutzmüller und Malte Grünkorn arbeiten im Bildungsteam von #LastSeen. Christoph Kreutzmüller ist für die Arolsen Archives federführend an der Entwicklung des Bildungsangebots beteiligt und wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Malte Grünkorn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arolsen Archives.

#lastseen Logo
jetzt mitmachen!